Pressekontakt
Deutsches Jugendherbergswerk
Landesverband Nordmark e.V.
Frau Katharina Pauly
22111 Hamburg
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Wingst/Hamburg, 04.02.2026. In der Saison 2026 werden die letzten Jugendherbergsgäste in der Wingst einkehren. Ein rasch steigender Investitionsbedarf und eine starke Saisonalität des Betriebs haben zu der Entscheidung geführt, den Jugendherbergsstandort zum Saisonende 2026 aufzugeben. Der Landesverband Nordmark im Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) bedauert die Schließung sehr. Mit dem Schritt wird der Verbandsvorstand seiner Verantwortung gegenüber dem Gesamtnetz von rund 40 Jugendherbergen im Norden gerecht.
„Wir haben diesen Entschluss unter Abwägung aller Fakten getroffen – und er ist ein schwerer Schritt“, gibt Thies Grothe bekannt, Vorsitzender des DJH-Landesverbands Nordmark e.V. „Die dauerhafte Schließung einer Jugendherberge bedeutet stets den Verlust eines wichtigen pädagogischen Ortes – eines Raums für soziales Lernen, gemeinschaftliche Erfahrungen und Begegnungen. Als gemeinnütziger Träger der Kinder- und Jugendhilfe ist uns die große Bedeutung jugendtouristischer Infrastruktur und außerschulischer Lernangebote, insbesondere im ländlichen Raum, sehr bewusst. Zugleich sind wir als Landesverband zu nachhaltigem und verantwortungsvollem Handeln verpflichtet, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Jugendherbergen, die dauerhaft nicht kostendeckend betrieben werden können, dürfen das Gesamtnetz nicht langfristig belasten. Somit ist die Schließung leider unumgänglich geworden“, so Grothe.
Die Jugendherberge Wingst besteht aus fünf teils historischen Gebäudeteilen unterschiedlicher Baujahre. Sie verfügt über 201 Betten in 57 Zimmern. Um den Standort auch in der Zukunft zu erhalten, wäre eine Generalsanierung der gesamten Gebäudesubstanz erforderlich. Dafür müssten kurz- und mittelfristig Investitionen im zweistelligen Millionenbereich getätigt werden. Angesichts der Höhe der notwendigen Investitionen wäre ein Weiterbetrieb, sichergestellt durch erste Einzelinvestitionen, wirtschaftlich nicht verantwortbar, da eine Refinanzierung aus dem laufenden Betrieb der Jugendherberge nicht zu erwarten ist.
Jugendherberge Wingst bisher durch andere Herbergsstandorte mitgetragen
Die Jugendherberge konnte seit vielen Jahren nur durch eine Quersubventionierung innerhalb des Landesverbands im Netz gehalten werden. „Dies ist für einen gemeinnützigen Träger mit kostendeckender Preisstrategie auf die Dauer wirtschaftlich nicht leistbar“, begründet Geschäftsführer Stefan Wehrheim den Schritt. „Mit der Entscheidung, den Betrieb der Jugendherberge Wingst nach der letzten Belegung im Herbst 2026 einzustellen, sichern wir den langfristigen Erhalt unseres Gesamtnetzes von Jugendherbergen im nördlichen Niedersachsen, in Schleswig-Holstein und Hamburg.“
Der Jugendherbergsstandort in der Wingst ist aufgrund der ruhigen Lage im Grünen und des großen Außengeländes primär für jüngere Schulklassen attraktiv. Grundschulkinder und jüngere Schulklassen der Sekundarstufe I machen dort über 80 Prozent der etwa 15.000 Übernachtungen (mit sinkender Tendenz) pro Jahr aus. Andere Zielgruppen wie Familien oder ältere Schulklassen finden in der Jugendherberge nicht den Komfort und die Aktivitäten, um ihre Ansprüche zu befriedigen.
Abschied der Herbergsleitung
Hinzu kommt, dass Edeltraud und Jens Artinger nach 24 Jahren als Herbergsleitung Ende Februar 2026 in den Ruhestand gehen werden. „Es war eine ganz besondere und erlebnisreiche Zeit hier“, blickt das Ehepaar zurück. „Oft hat es handwerkliches Geschick und eine ehrliche Kommunikation mit den Gästen gebraucht, um ihnen in den historischen Gebäuden tolle Aufenthalte zu ermöglichen. Gemeinsam mit unserem tollen und sehr engagierten Team ist uns das gut gelungen. Es hat sich immer gelohnt und wir konnten in unzählige zufriedene Gesichter blicken, darunter viele Stammgäste. Zusammen mit vielen Partnern in der Region konnten wir unseren Gästen eine unvergessliche Gemeinschaftszeit in der schönen Wingst bieten. Doch für uns ist jetzt die Zeit gekommen, uns anderen Herausforderungen zu stellen – so schwer der Abschied von dieser interessanten Aufgabe, den Gästen und dem Team uns auch fällt.“
Gute Lösung im Team gefunden
Der Verband respektiert ihre Entscheidung und hat für die verbleibende Saison eine personelle Übergangslösung gefunden: Als Tandem werden Küchenleiterin Ivonne Lange und Rezeptionsmitarbeiterin Nina Schmidt die kommissarische Leitung der Jugendherberge Wingst übernehmen. „Die beiden sind seit vielen Jahren Teil des Herbergsteams und verfügen daher über einen großen Erfahrungsschatz. Sie werden zusammen mit dem Team dafür Sorge tragen, dass alle Gäste ihre bereits gebuchten Aufenthalte bis zum Saisonende 2026 durchführen und genießen können“, bekräftigt Stefan Wehrheim.
„Wir danken Edeltraud und Jens Artinger sehr herzlich für ihren langjährigen leidenschaftlichen Einsatz für die Jugendherberge und ihre rund 5.000 Gäste pro Jahr. Ebenso gilt unser großer Dank dem gesamten Herbergsteam sowie Ivonne und Nina für die kommissarische Leitung,“ so Wehrheim. „Wir werden unser Möglichstes tun, um den Mitarbeitenden im Anschluss eine Weiterbeschäftigung im Landesverband anzubieten.“
Wissenswertes rund um die Jugendherberge Wingst
Seit 164 Jahren gibt es das Haupthaus der Jugendherberge Wingst – auch bekannt als Waldhof. Dieser wird seit 1938 als Herbergsbetrieb geführt, damals und bis kurz nach der Jahrtausendwende von Familie Tabel. Im Laufe der Jahre sind weitere Gebäude(teile) hinzugekommen – zuletzt in den 1980er Jahren. Aktuell besteht die Herberge aus fünf Gebäudeteilen auf einem 40.000qm großen Grundstück, das unmittelbar an den Wald angrenzt.
Von den Fünfzigerjahren bis Anfang der 2000er boomte die Jugendherberge Wingst als typisches Gruppengemeinschaftshaus mit vielen Ferienfreizeiten, Klassen- und Wochenendfahrten. Sie war vor allem in Hamburg und Berlin bekannt und beliebt. Damals wurden noch Zelte auf dem Gelände aufgeschlagen und das Haus wesentlich enger belegt als heute. Dies ist im Zuge strenger gewordener Brandschutzvorschriften und einer deutlich sinkenden Zahl an u.a. Ferienlagern (aufgrund des fehlenden Teamleitungs-Nachwuchses) nicht mehr möglich.
Seit Februar 2002 leiten Edeltraud und Jens Artinger gemeinsam die Jugendherberge. Die Diplom-Sozialarbeiterin und der gelernte Koch gewannen rasch das Vertrauen ihrer Gäste. In der Spitze verzeichneten sie knapp bis zu 27.000 Übernachtungen von über 9.300 Gästen im Jahr 2003. In 2016 beherbergten sie auch geflüchtete Jugendliche aus Syrien und Afghanistan. Die klassisch ausgestattete Jugendherberge wird heute vorwiegend von Schulklassen aus den Stufen 1 bis 6 und der Vorschule (83-85%) sowie Freizeitgruppen (6-9%) genutzt. Nur vereinzelt reisen auch Familien und berufliche Bildungsgruppen (je 3-4%) sowie Einzelreisende (1%) in das Haus im Grünen. Bekannt war die Jugendherberge Wingst auch durch die vielen Aufenthalte von Kindern aus Tschernobyl und in den letzten Jahren (2020-2023) durch die Unterbringung von Berufsschüler*innen im Winter und Frühling. Seit das neue Internat in Cadenberge fertiggestellt ist, ist diese Gästegruppe jedoch ebenso weggebrochen. Bemerkenswert bleibt, dass das Haus in ihrer etwa 88-jährigen Beherbergungsgeschichte nur drei Leitungen hatte: Tabel Senior, Tabel Junior und die Artingers.
Über den DJH-Landesverband Nordmark e.V.
Zum gemeinnützigen DJH-Landesverband Nordmark e.V. gehören 42 Jugendherbergen in Schleswig-Holstein, Hamburg und dem nördlichen Niedersachsen (davon zwei Partnerhäuser anderer Betreiber in SH). Mit jährlich rund einer Million Übernachtungen zählt er zu den bedeutendsten freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe in Norddeutschland. Die Gäste sind vor allem Schulklassen, Familien sowie junge Musik-, Sport- und Seminargruppen. Da die DJH-Jugendherbergen als eingetragener Verein organisiert sind, stehen ihre Leistungen nur ihren Mitgliedern zur Verfügung. Für den laufenden Betrieb erhalten sie keine öffentliche Förderung. Um möglichst vielen Menschen Gemeinschaftserlebnisse in Jugendherbergen zu ermöglichen, setzt der DJH-Landesverband Nordmark e.V. auf eine kostendeckende Preispolitik. Dabei finanzieren und stützen sich die Häuser des Verbands im Solidarprinzip gegenseitig. Jugendherbergen sind außerschulische Lernorte und Räume der Begegnung. Sie vermitteln wichtige Werte wie Bildung, Toleranz, Weltoffenheit und Inklusion.
Bildunterschrift: Die Jugendherberge Wingst wird im Herbst 2026 ihre letzten Gäste begrüßen. Ivonne Lange (2.v.l.) und Nina Schmidt (2.v.r.) übernehmen in Kürze kommissarisch die Leitung von Edeltraud und Jens Artinger.
Copyright/Bildnachweis: DJH-Landesverband Nordmark e.V.