Was ist typisch deutsch? Wie leben andere Völker und was bedeutet eigentlich der Begriff Kultur? Auf unseren Klassenfahrten zum Thema Vielfalt können Schülerinnen und Schüler genau das herausfinden. Wir stellen sechs ganz unterschiedliche Programme vor.
Jeder Mensch ist anders, hat seine eigene Persönlichkeit, individuelle kulturelle Wurzeln, eigene Interessen und ein ganz bestimmtes Aussehen. Das macht jede Person so einzigartig und unsere Welt so bunt. Von dem Buntem können wir alle lernen, denn Vielfalt ist eine Chance. Wir sind davon überzeugt, dass Verschiedenartigkeit eine unglaubliche
Bereicherung für unsere Gesellschaft ist. Unterschiedliche Erfahrungen und unterschiedliches Wissen bringen ein Team voran, zum Beispiel, wenn es um die Entwicklung kreativer Lösungen geht. Überhaupt: Fühlen wir uns in einer Umgebung, in der wir uns auf Augenhöhe begegnen und offen miteinander umgehen, nicht alle am wohlsten?
KLASSENFAHRTEN, DIE VERBINDEN
Die Jugendherbergen schreiben Vielfalt schon von Anfang an groß: Unsere Häuser stehen für Toleranz, Inklusion, Völkerverständigung und Weltoffenheit. Menschen, unabhängig von Herkunft und Geldbeutel, können bei uns die Welt entdecken und ihren Horizont erweitern. Damit kann man nie früh genug beginnen. Speziell für Schulklassen haben wir deshalb bundesweit unterschiedliche Programme entwickelt, durch die Kinder und Jugendliche im Rahmen ihrer Klassenfahrt andere Kulturen kennenlernen und die so das Verständnis untereinander fördern.
Sechs dieser Programme stellen wir auf den nächsten Seiten vor. Packen wir also unsere Koffer und begeben uns auf eine kleine „Weltreise“ durch die Republik. Los geht’s mit einer Entdeckungstour zu einem ganz besonderen asiatischen Inselstaat – auf nach Japan!

SAYDA: JAPANISCHE KULTUR HAUTNAH ERLEBEN


Farbenfrohe Yukatas, japanische Kirschblütenmotive und ein süßlicher Teegeruch im Raum – „Yōkoso!“. Willkommen in Japan! Zumindest könnte man in dieser besonderen Atmosphäre kurz meinen, man befände sich in dem 9.000 Kilometer entfernten Inselstaat. Doch Schülerinnen und Schüler, die das beeindruckende asiatische Land kennenlernen wollen, müssen nicht so weit reisen. Man findet Japan auch in Mittelsachsen, in der Jugendherberge Sayda.
Die Achtklässler einer Realschule haben sich heute in die traditionellen landestypischen Gewänder geworfen und präsentieren einander stolz ihre neuen Outfits. „In unserer Schulprojektwoche haben wir bereits viel über die Geschichte und Kultur Japans gelernt“, erklärt Erdkundelehrerin Heike.
„Hier in Sayda erhalten die Schülerinnen und Schüler einen ganz praktischen Zugang zur japanischen Kultur und können viele Dinge selbst ausprobieren.“
Neben einer Gewandprobe und einer traditionellen Teezeremonie gehören dazu auch eine Bastelstunde mit Origami, der Kunst des Papierfaltens, und ein japanisches Menü. „Voll cool!“, findet Kira (14). „Ich freue mich schon auf die nächsten Tage.“ Wir sagen: „Tanoshinde“, was so viel bedeutet wie „viel Spaß!“ und nehmen Abschied, denn deutschlandweit locken noch viele weitere Programme, in denen Schülerinnen und Schüler zu Kulturreisenden werden.
ALTENBURG WINDISCHLEUBA: SHOWTIME!


Ein Schloss, eine Schulklasse, ein Plan: Englisch lernen und intensiv erleben. Wir sind in derJugendherberge Altenburg Windischleuba angekommen, dem nächsten Stopp unserer Kulturreise.
Doch ist das hier echt eine Jugendherberge? Ja, eine besondere! Auf dem Wasserschloss Windischleuba, einer ehemaligen Ritterburg aus dem 10. Jahrhundert, tauchen Jugendliche der 7. bis 13. Klasse eine Woche lang in die englische Sprache ein.
Hinter den altehrwürdigen Gemäuern bringen Muttersprachlerinnen und Muttersprachler den Schülerinnen und Schülern bei, wie man kreative Geschichten auf Englisch erzählt oder kleine Theaterstücke aufführt.
Dabei stehen der Teamgedanke und Spaß immer an erster Stelle. Improvisationsspiele und sportliche Aktivitäten wie „Capture the Flag“ sind daher feste Bestandteile des Workshops.
Englischlehrerin Anke betont: „Ich freue mich, wenn meine Klasse sich hier kreativ austoben kann. Wenn sie neue Zugänge zur englischen Sprache findet und als Team noch enger zusammenwächst, denn das ist doch am Ende das, was zählt. Right?“
KASSEL: WAS IST KULTUR?


Unser nächster Reisestopp liegt in Kassel – Gastgeberstadt der Kunstausstellung documenta, Heimat des Schlosses Wilhelmshöhe und von Duckefett, einer leckeren, wenn auch kalorienreichen Soße aus Zwiebeln, Speck und Schmand.
So viel zu den kulturellen Seiten der nordhessischen Großstadt, und wo wir schon davon sprechen: Was ist eigentlich Kultur? Was ist typisch hessisch oder typisch deutsch? Wo liegen unsere Wurzeln? Welche Traditionen haben wir von anderen Kulturen übernommen? Diesen Fragen widmen sich Lehrkräfte und Schulklassen in der Jugendherberge Kassel.
Im Programm „Multi-Kulti – Wo wir herkommen und wo es hingeht“ begegnen Siebt- bis Elftklässler anderen Kulturen und deren Lebensweisen.
„Wir erleben es im Schulalltag leider immer wieder, dass Schülerinnen und Schüler von anderen ausgegrenzt werden, weil sie vielleicht weniger sportlich sind oder eine andere Herkunft haben“, erklärt Klassenlehrer Gerhard. „Solche Programme helfen, das Verständnis und die Akzeptanz untereinander zu fördern. Genau das wollen wir hier lernen.“
Vielleicht bleibt danach ja noch Zeit, um sich in der Gastgeberstadt genauer umzusehen, dem UNESCO-Weltkulturerbe Bergpark Wilhelmshöhe und seiner Herkules-Statue einen Besuch abzustatten. Oder Duckefett zu probieren – typisch kulturelle Dinge in Kassel eben.
RÜTHEN: FÜNF KONTINENTE AN EINEM ORT


Andere Perspektiven einnehmen und Neues kennenlernen – darum geht es auch bei der nächsten Station unserer Reise. In der Jugendherberge Rüthen im Naturpark „Arnsberger Wald“ ist die ganze Welt mit ihren fünf Kontinenten vereint. Amerikanische Braunbären treffen hier auf afrikanische Affenbrotbäume und europäische Störche auf australische Koalas.
Jeder Flur der Herberge steht für einen Kontinent. Leuchtende Farben und lebendige Bilder versetzen die Gäste in die Landschaften, Vegetationen und Tierwelt des jeweiligen Erdteils.
Die Schülerinnen und Schüler sind während ihres Aufenthalts in die fünf unterschiedlichen Kontinente bzw. in Tiergruppen unterteilt. Sie haben Spiele und Übungen im Gepäck, die für ihren Erdteil typisch sind.
„Wir haben uns bewusst für diese Klassenfahrt entschieden“, erklärt Sozial- und Erdkundelehrer Thomas. „Den pädagogischen Ansatz, über Tiere spielerisch in die verschiedenen Erdteile einzutauchen, finde ich für meine Fünftklässler genau passend.“
Auf dem Programm der Jugendherberge stehen etwa Bogenschießen und andere actionreiche Spiele. Das Besondere: Alles findet draußen statt. „Wir sind erst gestern hier angereist“, sagt der Pädagoge, „aber ich glaube jetzt schon, dass die Kinder ganz viel von dieser ‚Weltreise‘ mit nach Hause nehmen werden.“
WALDBRÖL: LEBEN WIE DIE UREINWOHNER


Wie fühlt es sich an, in einer Jurte oder einem Baumhaus zu übernachten? Welche Tiere hört man nachts im Wald und wie geht eigentlich Bogenschießen? In der Jugendherberge Waldbröl „Panarbora“ im Bergischen Land sind gleich mehrere Schulklassen angereist, um das herauszufinden.
„Andere Welten erleben“ lautet hier das zentrale Motto. Auf einer Fläche so groß wie elf Fußballfelder erwarten die jungen Gäste außergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten in asiatischen, afrikanischen oder südamerikanischen Erlebnisdörfern.
Ein besonderes Erlebnis steht heute auch für den Siebtklässler Luca (13) und seine Mitschülerinnen und Mitschüler auf dem Plan. Es geht zu Fuß durch die Wälder des Bergischen Landes – unbekanntes Terrain für die Teenager. Die Herausforderung: sich nur mit Karte und Kompass zurechtfinden.
Lucas Gruppe hat schon vier Kilometer zurückgelegt und nach anfänglichen Schwierigkeiten, sich mit einfachen Hilfsmitteln (und ohne Handy!) in einer fremden Umgebung zu orientieren, meistern sie die Hürde mit Bravour.
„Die Kompassnadel zeigt immer nach Norden“, hat der 13-Jährige bereits gelernt, „das heißt, dass wir gleich rechts abbiegen müssen und bald da sind“, vermutet er – und behält recht. „In zehn Minuten sind wir da!“, bestätigt Klassenlehrerin Ina.
Das Ziel ist ein Bach, über den die Schülerinnen und Schüler mit einfachen Materialien eine begehbare Brücke bauen müssen – so wie es schon die Inka taten. „Das wird cool“, freut sich Emilia (13) und ergänzt: „Heute Abend übernachten wir dann in einem tollen Stelzenhaus. Ich kann es kaum erwarten!“
Bei einem Lagerfeuer hat die Klasse vorher noch Zeit zum gemeinsamen Austausch. „Hier können sie ihre Tageseindrücke und Meinungen zu anderen Kulturen zusammentragen“, erklärt die Klassenlehrerin, „und vielleicht erkennen manche, dass viele Völker eben nicht in gefederten Betten schlafen oder modernes Werkzeug haben und dass Kultur auf persönlichen Blickwinkeln und Erfahrungen beruht.“
TRIER: DAS ERBE DER RÖMER


Römische Bauwerke, staunende Gesichter, strahlender Sonnenschein: Wir sind in Trier, dem letzten Stopp unserer Kulturreise, angekommen. „Ich wusste gar nicht, dass hier früher die Römer gelebt haben.“ – Nils (11) ist beeindruckt, als er erfährt, wie alt die Stadt ist und dass sie sogar von den Römern gegründet wurde.
Mit dem Geburtsjahr 16 v. Chr. gilt die frühere römische Kaiserresidenz sogar als älteste Stadt Deutschlands, ein idealer Ort, um sich auf die Spuren der einst so bedeutenden Kultur zu begeben. „Echt römisch! Das römische Trier und die Mosel erleben!“ lautet das Programm, das die Jugendherberge Trierdazu passend für Schulen auf die Beine gestellt hat.
Am zweiten Tag ihrer Klassenfahrt steht für Nils und seine Mitschülerinnen und Mitschüler eine Führung zu den antiken Bauwerken Triers an. Die Gruppe ist überrascht, als sie zu Beginn von einem echten Bürger des alten Roms – das mag man auf den ersten Blick zumindest meinen –begrüßt wird.
Mit reich verzierter Rüstung und federnbesetztem Helm steht der als Gladiator verkleidete Stadtführer an diesem spätsommerlichen Tag vor den Sechstklässlern.
„Zeit für eine Reise in die Vergangenheit“, sagt der Galdiator schmunzelnd und marschiert vom Haupt- in Richtung Viehmarkt, unter dem die Reste einer römischen Therme begraben sind. Neugierig folgt die Klasse ihrem „römischen Krieger“ und lauscht gespannt, als er von düsteren Zeiten, siegreichen Kämpfen und römischem Stolz erzählt. „Irgendwann will ich mal ins echte Rom“, schwärmt Pia (12) am Ende der Führung. „Dann will ich das Colosseum sehen und noch viel mehr über Gladiatoren erfahren.“
Ein guter Plan, finden wir, und blicken zufrieden auf unsere kleine „Weltreise“ zurück. Was kann es schließlich Interessanteres geben, als fremde Länder zu bereisen und neue Erfahrungen zu sammeln?