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Schriften und Begebenheiten

Richard Schirrmann

Eine Pfingstwanderfahrt 1892 von Ostpreußen ins Riesengebirge war bestimmend für mein ganzes Leben

-Wandern von Anno dazumal-

Wenn in den Werbeschriften unseres Jugendherbergswerkes erzählt ist, wie einerseits die im Ruhrkohlenbezirk erlebte Großstadt- und Kindernot und dann aber auch anderseits die Schönheit der sauerländischen Gebirgswelt mich zum Wandern führte, so hat das seine Richtigkeit. Aber den ersten nachhaltigsten Eindruck, der richtunggebend mich für das ganze Leben beeindruckte und für das Wandern gewann, den bekam ich im Riesengebirge. Wie das zuging, will ich kurz erzählen und dabei zugleich von dem Wandern von vor 60 Jahren plaudern.

Im Seminar Waldau bei Königsberg in Ostpreußen, das ich von 1891-94 besuchte, hatten wir einen Erdkundelehrer namens Fischer. Das war ein weitgereister Mann. In seinen Unterrichtsstunden war es zumeist so, dass er schon nach kurzer Zeit selber vor der Landkarte stand und von seinen Wanderfahrten und Reisen zu erzählen begann. Er war ein Meister im Erzählen und Schildern. Manchmal stand er vor der Karte und kehrte uns den Rücken zu und hatte uns anscheinend ganz vergessen und plauderte und erzählte Erlebnisse, die er so anschaulich, so blutwarm, groß und gewaltig oder nach ihrer Art auch so neckisch und schalkhaft gestalten konnte, dass wir restlos mitgerissen wurden. Das war auch der einzige Lehrer, der ab und zu einen kleinen Ausflug in die nächste Umgebung des Seminars anregte und ausführte. Aber unverrückbar fest stand, wenn auch nicht im Lehrplan, so doch in der Gepflogenheit des Seminarlebens Waldau eine alljährliche größere Wanderfahrt: ins Riesengebirge, zum Harz, sogar bis an den Rhein. Schon beim Eintritt ins Seminar schuf sich jede Seminarklasse freiwillig in Selbstverwaltung eine Reisesparkasse, in die man wöchentlich ein paar "Dittchen" zahlte, und so brachte man es durch ein Jahr auf rund 25 Mark, wozu das Seminar ungefähr die gleiche Summe spendete. Immer die 2. Seminarklasse machte diese Ferienfahrten. Die verlängerten Pfingstferien waren für diese Wanderfahrten ausersehen, und der Führer war allemal der Lehrer Fischer. Und so groß stand diese einmalige Wanderfahrt in unserem jungen 18 jährigen Leben, dass wir in Erwartung der Fahrt ein ganzes Jahr davon träumten und nach der Fahrt noch jahrelang immer wieder. und wieder davon reden mussten. Es war der hellste Sonnentag in unserm klösterlich abgeschlossenen Seminarleben, der alles überstrahlte und durchwärmte. Nur Kinder können sich so freuen, und das waren wir auch trotz unserer 18-20 Jahre.

Unsere Ausrüstung und unser Wandern. Natürlich Sonntagsanzug mit langer Hose. Kniehosen und Wandelstiefel gab's noch nicht. Auf dem Kopf den Strohhut, die "Kreissäge", wie das heutige spottlustige Wandervolk ulkt, den Hals in 4fachLeinen-Stehkragen geknöpft, einen tüchtigen Spazierstock als "Gehbaum" in der Faust und in der andern Hand eine kleine Reisetasche, die aber auch an einem schmalen Lederriemen auf einer Schulter getragen werden konnte und dann halb auf der Hüfte lastend, im Takte des Wanderschrittes hüpfte. Die schöne weitgereiste Ledertasche Fischers, die mich sehr an die Reisetasche Goethes erinnerte, betrachteten wir mit einem nicht kleinen Respekt. Irre ich nicht, trugen einige auch grüne "Botanisiertrommeln" überm Rücken. Dazu kam ein sogenannter Staub- oder Regenmantel, der säuberlich gefaltet überm Arm mitgeführt wurde. Karten, Führer und Taschenapotheke barg Fischers Tasche, die von uns wechselweise getragen wurde.

Was in unserer Reisetasche mitgeführt wurde, war nicht viel. Ein Nachthemd kannte niemand von uns; einen Schlafsack brauchten wir nicht, da es noch keine JH gab und wir jede Nacht in einer vor Beginn der Fahrt voraus bestellten Baudenwirtschaft in Gasthofbetten schliefen. Dort wurden auch Frühstück und Abendessen eingenommen. Nur ein Reisebrot für jeden Tag führten wir außer Mutter's Liebesgaben mit uns, was wir uns bei der Mittagsrast munden ließen. Auch unser liebes Liederbuch, die "Polyhymnia", war dabei. Dann waren aber sicher neben einigen Taschentüchern und einem Paar Ersatzsocken ein Paar schöne seidene Handschuhe drin; nicht zu vergessen ein Vorrat von Zigarren aus Vaters oder Onkels guter Kiste (Zigaretten gab's zwar schon, wurden aber wenig geachtet). Unser Stolz war eine Zigarrentasche aus feinem Leder, griffnahe an der linken Brusttasche. Außer diesen Eigenvorräten an Tabak wurde jeden Tag eine neue Kiste Zigarren (100 Stück) aus Mitteln der Reisekasse gekauft, die ein Mitschüler trug, der dem Lehrer stets zur Seite zu schreiten hatte. Daraus bekam jeder sein Teil ehrlich zugemessen. Und so rauchten wir wie die Schlote. - Das gehörte einfach zum guten Ton und zum Mann-sein. Und dazu selbstverständlich auch die Trinksitte in Alkohol. Wohl ausnahmslos führte jeder in seiner Reisetasche eine Cognacflasche in breiter Form bei sich, die man auch bequem in der Rocktasche tragen konnte. Und nach jeder größeren Anstrengung nahm man zur Stärkung einen Schluck aus der Flasche und reichte sie dem Freunde, dass er auch Bescheid tue. Und ehe wir uns zur Quelle neigten, gab es ein Schlückchen Cognac, damit wir uns nicht Hals und Magen erkälteten und damit das vielleicht nicht einwandfreie Wasser bazillenfrei werde. Das sahen wir vom Führer und taten es nach.

Doch darf man nun nicht etwa glauben, dass wir mehr oder minder als Trunkenbolde durch die Gegend gestolpert sind. Nein, kein einziger unserer 24 Mann starken Wanderschar hat sich am Tage irgendeinen "Spitz" oder ..Affen" gekauft. Dafür waren wir viel zu sehr hingerissen von Wanderfreude und Wanderglück. Aber sicher hätte beides noch eine Steigerung ohne Alkohol und Tabak erfahren können. Doch Abend und Morgen standen leider oft unter Alkohol und seinem üblen Nachgeschmack. Denn jeden Tag gab's bei der Einkehr in den Bauden nach dem Abendbrot ein Fäßchen Bier (25 Liter) aus der Reisekasse. Unsere Klasse war ein gut geschulter Sängerchor, und wir sangen gern, und jeden Abend gaben wir ein richtiges Konzert. Wir sangen zu unserer eigenen Freude, freuten uns aber auch über den Beifall der Baudengäste. Bald wunderten wir uns nicht mehr, dass unser kleines Fäßchen gar nicht alle werden wollte, trotzdem wir doch tüchtig gezecht hatten. Da hatte eben irgendein Sangesfreund unter den Gästen dem Wirt heimlich was ins Ohr gelüstert, und wir saßen schon lange beim 2. und 3. Fäßchen, und unser lieber Fischer drückte nicht nur beide Augen zu, sondern hatte eine helle Freude an seinen singenden und zechenden Seminaristen - und zechte tapfer mit. Bis tief in die Nacht wurde gesungen und getrunken, und schließlich musste unser Fischer doch mit richtigem Kurzschluss Feierabend gebieten, sonst hätten wir nimmer zu Nest gefunden. Was wunder, dass die meisten mit allerhand Zecherbettschwere schlafen gingen und am Morgen erst mit viel Getöse munter gemacht und auf die Beine gebracht werden konnten, und ich weiß von einem Morgen selber, wie dösig mir die ganze Welt trotz des herrlichsten Sonnenscheins vorkam, bis erst einige derbe Wanderstunden den Schweiß und damit auch den üblen Kater Alkohol aus dem Blut trieben. Wanden, Singen und Zechen, das gehörte nach unserer Ansicht untrennbar zusammen. Wohl sangen wir auch Lieder von tiefem Wert. Aber am liebsten doch außer sentimentalen Liebesliedern die derbsten Trinklieder, und man konnte wähnen, dass Scheffel unser aller Lieblingsdichter sei.

Ungeschminkt stelle ich diese Dinge vor Sie hin. Meinem alten Lehrer Fischer will ich keinen Vorwurf machen. Er kannte das Wandern einfach nicht anders. Die Hauptsache war doch, dass er mit uns hinauswanderte und überhaupt einen gewissen menschlichen Anteil an uns nahm, wenn er uns auch nicht so nahe kam, wie wir es heute von einem Lehrer und Wanderführer. verlangen und gewöhnt sind. Er blieb trotz aller Freundlichkeit der über uns stehende Lehrer, der auf Abstand hielt, dem Lehrerautorität über Freundschaft ging. Aber unsere Lehrer hatten uns in keiner Weise darin verwöhnt, und darum genug davon. Abgesehen von der Verquickung unserer Seminarwanderfahrt mit Rauschgiften, will ich meinem alten Fischer für diese Fahrt ins freie Land, in die Wunderwelt der Berge innigst danken. Wahl hatte ich als 15jähriger Präparandenschüler auf eigene Faust bereits eine Pfingstwanderung quer durch Masuren mit zweimal täglich 60 Kilometer Marschleistung gemacht. Aber wer weiß, ob ich ohne Fischers Riesengebirgsfahrt den Segen einer Wandelfahrt für unsere Jugend so klar erkannt und mit unentwegter Begeisterung für mein ganzes Leben im Herzen getragen hätte.

Wieviel neue und große Eindrücke brachte uns jene Fahrt! in Marienburg standen und staunten wir in dem Ordensschloß, was deutsche Arbeit und deutsche Kunst schaffen kann; es ging über die Weichsel, diesen gewaltigen und so ernsten Strom unseres Vaterlandes; in Breslau sahen wir zum ersten Male eine "Elektrische" (Straßenbahn), ein Gefährt ohne Zugpferde. Gewiss, in der Unterrichtsstunde hatten wir schon von dieser Möglichkeit etwas gehört, aber in unserer "Residenzstadt" Königsberg gab es nur eine "Pferdsbahn" auf Schienen. Wir standen vor dem alten schönen Breslauer Rathaus; und dann kam das Schönste: in die Berge! Ober Hirschberg zum Kynast, nach Schreiberhau zum Kochel- und Zackelfall, zur Josephinen-Glashütte, zu den Schneegruben, zum Elbe- und Pantschewasserfall, hinab zum Weißwassergrund; zum Ziegenrücken hinauf; vorbei auch hier an der Sturmhaube zu den Teichen, zur Wiesenbaude; auf die Schneekoppe und weiter in den Glatzer Gebirgskessel nach Adersbach und Weckelsdorf mit ihren phantastischen Sandsteinfelsen und Höhlen und ein gut Stück nach Böhmen hinein. Nicht zu vergessen Kirche Wang; wo wir in der alten norwegischen Holzkirche am Sonntag zum Gottesdienst die Liturgie singen durften und unser Gesangsdirigent den Organisten an der Orgel ablöste und die Kirchenbesucher und uns alle mit einer Bachschen Fuge erhob und erfreute. Bei Waldenburg lernten wir erstmalig auch etwas von einer Fabrikstadt kennen. Aber alles was Menschenhand gemacht hatte, war doch so klein gegenüber der Bergwelt! Wir konnten uns nicht sattschauen daran. Als Tiefländer kannten wir Berge nur aus dem Lehrbuch. Ich weiß noch, wie wir die ersten Berge anstarrten, die ersten Felsklippen betasteten und befühlten und beklopften, ob das auch wirklicher Stein und nicht Gemachtes wäre. Auf dem Steilgrat des Ziegenrückens erlebten wir es, dass tief unter uns ein Gewitter sich zusammenbraute, während wir oben im herrlichsten Sonnenschein standen. Wir sahen, wie die Blitze von unten zur Höhe in die Bergkuppen fuhren und kamen dann später auch an der durch Blitz eingeäscherten Koppenbaude vorüber und merkten mit Schrecken, dass man auch über den Wolken vor Blitzgefahr nicht sicher ist. Als Kinder der Tiefebene konnten wir uns nicht auswundern über die Steilstellung der Erdrinde in den Bergen. Es riß uns einfach zu jedem Berggipfel empor wie mit magischer Gewalt. War das ein Stürmen auf jede neue Höhe, und wir haben unsern guten Fischer oft in Dampf gebracht, dass er recht ungnädig war, wenn er nicht so schnell folgen konnte. Aber der Wunder waren auch zuviel. Wird's nicht jedem Jungen der Tiefebene wie mir ergangen sein und ergehen? Wenn man beim Kühehüten auf dem Rücken im Grase lag und zu den weißen Wolkenschiffen am Himmel emporschaute, so wuchs die Sehnsucht nach dem "Hinaus" aus der kleinen und engen Heimat. Einmal über alle Wälder schauen dürfen, über alle Dörfer, Flüsse und Seen! Ja, auch selbst hinter die segelnden Wolkenberge gucken dürfen! Wie weit man von solcher Höhe wohl blicken kann...!

Und nun stand man wirklich über den Wolken. Sah Blitz und Regenwand unter sich; schaute durch Wolkenfenster tief, tief unter sich die große und doch wiederum so kleine Welt mit Städten und Dörfern, als wenn man alles in eine Streichholzschachtel stecken könnte. Und so weit, so weit zu blauen Fernen der Blick! Mit dem Kieker wollten wir sogar von der Schneekoppe aus das nahezu 100 Kilometer entfernte Prag gesehen haben.

Und an der Eibfallbaude und in den Schneegruben lag tiefer Schnee, trotzdem wir den Juni mit sommerlicher Hitze hatten, und wir konnten eine richtige Schneeballschlacht machen wie daheim im tiefsten ostpreußischen Winter; und bei Weckelsdorf, wo auch noch fester Firnschnee in allen Höhlenecken lag, pflückten wir wenige Schritte davon an der Sonnenseite der Felsen reife Erdbeeren, und die Blaubeeren waren auch bald reif. Wunder über Wunder für uns große Kinder, die das doch alles wissen konnten. Ja, wissen! Sicher; aus Büchern. Aber das ist noch lange keine Anschauung. Das dürfen wir Lehrer nicht vergessen, und deshalb wollen wir auch mit unseren Schülern so oft als möglich ins Freie und zu den wirklichen Dingen hinauswandern, auf dass uns die ganze Welt Schulhaus werde.

Nach 37 Jahren stand ich wieder in Rübezahls Reich. Manches ist anders geworden. Die kleinen, oft kaum sichtbaren Fußpfade von damals sind zumeist in breite, wohlgepflegte Wege umgewandelt; bei der damaligen Wiesenbaude konnte ich mit der Hand ans niedere Dach fassen, heute steht ein Riesenhotel dort. Selten trafen wir damals (1892) Ausflügler unterwegs an, und die Bauden hatten wohl nur über die Pfingstfeiertage stärkeren Besuch erhalten. Heute flutet eine wahre Ideenschenwelle aus den Tälern über das Gebirge hin. Aber eines ist im Wandel der Zeiten unverändert geblieben: die Größe und Schönheit der Bergwelt, die reine, würzige Luft, der brausende Wintersturm, auch wenn wir die Schrecken des Winters mit dem Schneeschuh besiegen können, und die gütige warme Sonne. Daran wollen wir uns freuen und an unserem Teile helfen, daß immer mehr Menschen im Wanderbad Leib und Seele erfrischen und kräftigen. Da liegt unsere JH Kammhaus Rübezahl und kann alljährlich Zehntausenden jungen Menschen eine gastliche Stätte bieten, und durch das ganze Vaterland, über Berg und Tal, wächst mit Ihrer und vieler Freunde Hilfe das Herbergswerk jetzt schon mit 2200 Herbergsorten durchs Land und auch drüben beiden deutschen Brüdern im Sudetenlande. Meine kühnsten Träume vor 37 Jahren haben soweit nicht gereicht.

Allen Ernstes hatte meine alte Großmutter mich vor Antritt der damaligen Wanderfahrt allein genommen und mir ans Herz gelegt, unter keinen Umständen im Gebirge Rübezahls Namen zu rufen. Denn man könne nicht wissen, wie er das auffassen und was daraus werden könne. Ich hab's doch getan und ganz kräftig - offen gestanden nicht ganz ohne Bangen. Vielleicht hat's geholfen, denn der Geist der Berge ist allmächtig. Aber wir wissen auch, dass die Götter vor den Preis allemal den Schweiß gesetzt wissen wollen. Und so bitte ich auch Sie allesamt, am Jugendwandern und am Jugendherbergswerk mit allen Kräften mitzuschaffen, als ginge es einfach ohne Ihre Hilfe nicht weiter. Dann kommt sicher die Zeit, da jedem deutschen Jungen und Mädchen im wandern und Schauen und Singen und Freuen das gleiche Glück, die gleiche Seligkeit beschert wird, die wir einst erlebt haben.

Eine lustige Ostereierwanderfahrt 1907 von Altena ins Hessenland

Das Großstadt-Kinderelend, die "verkopfte" Schule und die Übernachtungsnöte beim Jugendwandern waren die Paten an der Wiege des Jugendherbergswerkes, das im August 1987 auf ein fünfzigjähriges Bestehen zurückblicken konnte. Denn wenn ich den Beginn meines Lebenswerkes auch auf das Jahr 1909 lege, so reicht der erste Anfang doch ins Jahr 1907 zurück; nach den ersten Aufzeichnungen im Jugendherbergs-Archiv habe ich am 20. August 1907 in meiner Schulklasse in Altena in Westfalen das erste Strohlager als Wanderübernachtungsstätte für die Jugend ohne Unterschied hergerichtet. Es bedurfte aber vieler Wanderfahrten mit all ihrer anderseligkeit und all ihren bitteren Unterkunftsnöten, bis die heute so erstaunlich einfache und fast selbstverständlich erscheinende Planung zur Werkgestaltung führte.

Unvergessliche Fahrten, voll von lustigen Erlebnissen für die Teilnehmer! Einige meiner ersten Wanderungen führten auch ins schöne Hessenland wo ich jetzt nach meiner Vertreibung von Burg Altena seit 20 Jahren wohne.

Es war um 'die Osterzeit 1907. In den Vorjahren war Westfalen im Wandern nahezu ausgeschöpft worden, und nun ging's in die Nachbargebiete. Der Wanderlustigen waren es bereits so viele, dass ich ein halbes Dutzend Wandergruppen zu Ostern und Pfingsten und in den Großen Ferien aussenden konnte. Immer nur 6 bis 12 Buben in jeder Gruppe, damit kein "Massenbetrieb" daraus werde.

Diesmal ging's ins schöne Hessenland. Wir wollten in der Schwalm die bunten Volkstrachten sehen - und billige Ostereier essen. Dem Vernehmen nach sollten sie nur 3 Pfennig kosten, während man in Altena 9 und 10 Pfennig dafür zahlte.

Ein lieber Freund, der Lehrer Heinrich Kemper, Remscheid, begleitete uns. Er wollte meine Wanderführerart kennenlernen. So etwas kam nicht gerade selten vor. Meine ausgedehnten Wanderfahrten waren in Lehrerkreisen weit bekannt. Manche Amtsbrüder lachten oder lächelten darüber, und spottweise nannte man mich den "wundervollen Schirrmann";' ich ließ sie spotten und wanderte und gewann auf die Dauer mehr Freunde als Spötter.

Mein guter Freund Heinrich führte sich bei meiner Wanderschar (17-18jährige Buben von der kaufmännischen Handelsschule und vom Gymnasium) wenig gut ein; denn er erschien im Sonntagnachmittag-Ausgeh-Anzug : modernes Jackett, lange Hose mit Bügelfalte, an den Handgelenken weiße "Röllchen", auf der breiten Brust das weißgestärkte "Brettchen" in Verbindung mit einem, Steh-auf-Fallum-Kragen" aus vierfach Leinen und einem schönen bunten Binder - in der Rechten den "Gehbaum" und auf dem Kopf die schwarze "Melone" mit rundlaufender "Regenrinne". Immerhin erinnerte der Rucksack auf dem Rücken an den Wandersmann.

Meine Buben, die gleich mir in Wanderkluft, das heißt barhäuptig und' in Kniehosen auf Fahrt gingen, waren schwer eingeschnappt und protestierten: "Mit dem ,Spießer' sollen wir durch die Gegend ströpen? blamiert die ganze Innung!" Mir gelang ihre Beschwichtigung mit dem Hinweis: "Heinrich ist ein ganz prächtiger Wanderkamerad wie ich es aus Erfahrung weiß; die ,Schale' ist nicht die Hauptsache, und sein Kern ist gut." Und alle legten verträglich die drei Schurfinger auf den Fahrtenwimpel: Treue Kameradschaft auf Du und Du - und frei von Alkohol und Nikotin!" Beim Auflegen der Schwurfinger hatte Heinrich einen Augenblick gezögert - und die Jungen hatten sich knurrend angestoßen. Und so stand unser Aufbruch von Altena auf "Gewitterschwüle'' , und am Nachmittag wäre es bald zu einem "Gewitter" unter uns gekommen.

Bei dem glutheißen Frühlingstag schritt Heinrich zur "Demaskierung", wie die Buben feixten. Unser flotter Wanderschritt und die liebe Sonne heizten ihm zu stark ein, und der Schweiß rann ihm in Bächen von Stirn und Backen und tropft ihm von Kinn und Ohrläppchen aufs runde Bäuchlein. Auf dem hing die "Melone" schon lange am Huthaken und hüpfte im Wanderschritt auf und ab. Jetzt kamen die ,Röllchen" hinzu und wurden auf die goldene Uhrkette gezogen, die sich quer über den ganzen Leib von einer Westentasche zur anderen spannte. Auch das "Brettchen" nebst Steifleinenkragen und Binder kam dort an die Kette, und der gute Rock wurde von den Schultern genommen und baumelte am "Gehbaum" über Rücken und Rucksack, Die Jungen murrten und hielten sich seitab von dem "wandernden Mantelstock". Und als dann gar Heinrich auf der Nachmittagsrast verdächtig lange zum "Austreten" im Wald verschwunden war, gab's ganz "dicke Luft". Denn man hatte ihn beschnüffelt und gefunden, dass er nach Tabak dufte. Doch die erste Nachtbleibe bei einem Bauern auf dem Heuboden brachte für Heinrich schon einigen Gewinn. Er war kein Neuling im Reisen und Wandern - und hatte sich eigentlich nur uns zuliebe so "schön angezogen". In der lustigen rheinischbergischen Mundart erzählte er die drolligsten Erlebnisse und Schnurren, dass die Jungen aus dem Lachen nicht herauskamen, und vor dem Einschlafen hörte ich, wie ein Junge dem Nachbarn ins Ohr murmelte: "Der Heinrich hat's doch innerlich wie die Ziege das Fett. Er ist besser als sein ,Mantelstock'!"

Aber nach dem Mittagrasten der nächsten Tage kam Heinrich doch wieder in "Verschiss" und war ganz unten durch. Er war überhaupt an waldigen Wegstrecken des öfteren ..austreten" und stets verdächtig lange. Die Jungen wollten es genau wissen, dass Heinrich gar nicht "richtig austrete", sondern bloß verschwinde, um am "Giftspargel" zu lutschen. Auch wäre er am vergangenen Abend nach dem Essen im Gasthof gewesen und hätte dort zwei große Bier hinter die Binde gegossen und somit den Fahrteneid gebrochen und müsse heimgeschickt werden. Und Heinrich hatte mir gleichfalls empört etwas im Vertrauen zu sagen: "Deine Altenaer Jungen sind ohne Ausnahme ganz ausgekochte Lümmel und haben nicht den geringsten Anstand und Respekt vor dem Alter. Das kann so nicht weiter gehen. Sieh Dir meinen guten Spazierstock an, der noch ein Andenken von meinem seligen Vater ist. Nicht nur, dass die Esel ihn auf jeder Rast,. wenn sie ihn nur erwischen können, als Steckenpferd benutzen, sondern sie stochern damit auch das Feuer, und die ganze Lackfarbe ist davon ab. Und mein Hut ist vollkommen erledigt. Jeden Morgen ist er unauffindbar, und erst wenn wir wirklich abrücken, findet ihn einer von den Lümmeln so "zufällig". Gestern nach der Mittagrast hing er auf der Spitze einer hohen Fichte, und ich musste noch viel gute Worte geben, bis ihn mir einer herunterholte. Schau ihn Dir an. Ich kann ihn am besten wegwerfen. Ich hatte ihn heut Mittag so gut im Busch versteckt, und sie haben ihn doch gefunden; ich kam gerade zurecht, als einer damit aus dem Bach Wasser schöpfte und zum Kochplatz trug und auf meine Vorhaltung ganz treuherzig meinte: ,Das gute Wasser gibt der Melone neuen Glanz!' Und als ich dann den Hut halbwegs am Kochplatz getrocknet hatte, setzt sich einer so ,aus Versehen' mittendrauf. Das Allerschlimmste aber ist, dass ich nicht mehr ohne Zuschauer austreten kann. Auch wenn ich noch sotief in den Wald und in die Büsche gehe und schließlich so weit bin und annehme, ich sei allein, so guckt dann doch allemal so'n Ekel hinter Baum oder Busch hervor. Keinen Anstand noch Scham hat diese Bande. Geh mir fort damit. Ich bin's leid und reise heim!"

Da half keine Bruchverkleisterung und kein Maulspitzen. Es musste grob und ehrlich gepfiffen werden. Bei der Verlängerten Mittagsrast im verschwiegenen Wald hielten wir ein ernstes Thing. Heinrich musste zugeben, den Fahrteneid gröblich verletzt zu haben und hatte ihn noch einmal abzulegen, und die Jungen versprachen, ihn beim ,Austreten" nicht mehr zu bespitzeln. Heinrich roch wirklich nicht mehr nach Nikotin oder Alkohol, und die Jungen unterließen die Rüpeleien, und so verlief der Rest der Wanderfahrt in denkbar bester Kameradschaft.

Am Osterfest lernten meine Buben in der Schwalm das erste dort noch volkstümliche Osterfeuer mit Feuersprüngen kennen und konnten die prächtigen Volkstrachten beim Kirchgang bestaunen - und kamen auch zu den geschätzten billigen hessischen Ostereiern (3 Pfennig das Stück), für den köstlichen Räucherschinken zahlten wir nur 50 Pfennig für das Pfund, und so gab das am Ostertag ein selten reichliches und billigstes Ostereierfutter: Rührei mit Schinken, jungen Löwenzahnsalat und viel Zwiebeln, die uns als Zugabe geschenkt wurden; auf die Person 4. Eier und ein Viertelpfund Schinken. Unter der zwölfköpfigen Wanderschar befanden sich drei starke Fresser, die stets eine besondere Kochgemeinschaft hatten, weil die anderen sonst zu kurz kamen. Diese drei Schlemmer hatten sich insgesamt 27 Eier in den Kochtopf gehauen und mit 3 Pfund kleingeschnittenem Schinkenspeck, einem Liter Sahne und viel Zwiebeln verrührt auf die Person also 9 Eier und ein Pfund Schinken mit "Knalläppeln"; auf den guten Salat von ,Eierbusch" verzichteten sie. Ich war entsetzt und warnte sie vor Vergiftung mit Schwefelwasserstoffgas. Aber sie lachten nur und putzten ihren Eierschlamm in aller Seelenruhe fort. Anfangs mit Brot - und zuletzt mit dem Löffel ohne Brot - und kratzten und leckten den Kochtopf reinlich sauber.

Die Fresser sind nicht an Vergiftung gestorben. Aber der heilsamen Strafe für ihre Völlerei sind sie nicht entgangen. Bald stellte sich bei ihnen das große "Aufstoßen nach oben und unten" ein, und es war nur gut, dass sie reichlich "Knalläppel verspeist hatten, und die fette Sahne sorgte dafür, dass sie in immer kürzeren Pausen "aus der Bux" mussten. Auf Hordenbeschluss durften sie auf der Weiterwanderung nur "unter dem Winde" marschieren, und nachts auf dem Heuboden bekamen sie ihr Lager weitab von den anderen und auch "unter dem Winde" und in der Nähe der Bodenleiter, an der sie des öfteren in der Nacht unfreiwillig Kletterproben machen mussten. Und während wir an jedem weiteren Wandertag mit Freuden und Genuss ein paar billigste Ostereier aßen, mochten sie kein Ei mehr sehen noch' essen.

Auch unserem lieben Heinrich wurden die billigen Ostereier zum Verhängnis, wenn auch in anderer Art. Mit leichter Mühe erstand er hundert Eier, das Stück zu 3 Pfennig, die in Remscheid 15 Pfennig kosteten. Er verpackte sie sorgsamst und sandte sie als guter Hausvater und liebevoller Gatte seiner Frau durch die Post als hessischen Ostergruß zu. Als ihm am nächsten Morgen knapp vorm Abwandern von einem Bauern noch mehr Eier angeboten wurden, erstand er zum gleichen billigen Preis noch 20. Aber wohin damit? Für ein Postpaket war keine Zeit, und so stopfte Heinrich die Eier in seine Taschen: fünf Stück in jeden Hosensack und je fünf in die beiden Rocktaschen. "Heinrich, das geht nimmer gut!" warnte ich. Aber Heinrich sagte: "Du weißt ja nicht, wie vorsichtig ich in allen Sachen bin. Sieh mal, die große Eierkiste ist länger als ich unterwegs. Wenn ich nun heim komme, soll meine Frau aber gleich einen großen billigen Eierkuchen machen. Staunen soll sie, wie billig die Eier in Hessen sind!" Kurz vor Wildungen begegnete uns hoch zu Ross ein Kavallerieoffizier. Wir grüßten nur obenhin, aber Heinrich Mitte und machen durch die Stadt einen ,Igel' um dich. Dann sieht niemand deine gelben Buxen."

Und so geschah es. Im dichten Knäuel marschierten wir mit unsrem Heinrich in der Mitte durch Wildungen bis zum erstbesten Gasthof und sangen dabei knochenhart ein Wanderlied nach dem anderen - nur nicht der Heinrich in nassen Buxen. Aber kein dienstbarer Geist wollte Heinrichs verfänglich aussehende Beinkleider waschen. Erst im dritten Gasthof gelang's und nur nach einem hohen Trinkgeld, weil niemand an die: "Eiergeschichte" glauben wollte. Doch hatte Heinrich am nächsten Morgen wieder eine saubere Hose mit Bügelfalte.

Diese tragikomische Eiergeschichte hatte uns untereinander mehr als alles andere näher gebracht. Heinrich war kein Spielverderber. Schlagfertig und humorvoll begegnete er den Buben und gewann sie bald restlos. Er hatte längst eingesehen, wie störend sein städtischer Anzug in mitten der Buben in Wanderkluft war. "Röllchen" nebst "Brettchen", Kragen und Binder kamen in den Rucksack. Vor dem Abrücken aus Wildungen wurde ein "Schillerhemd" mit offenem Halskragen gekauft und mit dem bisherigen Hemd vertauscht. Ein paar lange: 'Wanderstrümpfe wurden über die ,Ofenpfeifen" mit Bügelfalten gezogen. Der Sonntagsrock wurde zusammengefaltet auf den Rucksack geschnürt. Auch die Weste wurde dort verstaut. Die Hemdärmel wurden aufgekrempelt und der "Gehbaum" als überflüssiges "drittes Wanderbein" einem alten Humpelmann am Wege geschenkt, und so war auch äußerlich aus dem Mann im "Sonntagnachmittags-Ausgehanzug" ein anderer geworden. -- Für die Folge behielten wir miteinander gute Fühlung und besuchten uns gegenseitig mit unseren Wandergruppen mit Freiquartieren in Privathäusern. Heinrichs Wanderschar war eine der ersten, die in den Sommerferien 1907 auf meiner urersten Ferienherberge in meiner Schulklasse einkehrte.

Aber nach einigen Jahren riss jede Verbindung ab. Heinrich antwortete auf keinen Brief. Nach 20 Jahren erfuhr ich die Ursache. Bei einem Übersetzen über den Rhein hatten ein paar leichtsinnige Buben den Nachen zum Schaukeln gebracht und waren ins Wasser gefallen und ertrunken. Das ging Heinrich so zu Herzen, daß er alles Wandern mit Schülern und Jugendgruppen drangab und auch alle Verbindungen mit ehemaligen Wanderfreunden aufsteckte. Aus dem frohen Wanderlehrer wurde ein einsamer Einzelgänger. Das Wandern hat ihn aber frisch und spannkräftig erhalten. Als 85jähriger macht er noch heute jeden Tag seinen Nachmittagsauslauf und möglichst jeden Sonntag eine mehrstündige Wanderung über Berg und Tal.

Meine damaligen Wanderfahrten ins schöne Hessenland brachten mir schnelle Fühlung mit der hessischen Lehrerschaft und damit zugleich mit kommenden Mitarbeitern am deutschen Jugendherbergswerk. Bald nach den ersten Jugendherbergen (JH) in Westfalen folgten solche auch im Hessenland. Die ersten Mitarbeiter, derer ich an dieser Stelle in Dankbarkeit gedenke, waren: Rektor Bertram, Rüdesheim; die Rektoren Jaspert und Schmidt, Frankfurt; Studienrat Dr. Herzfeld (jetzt Regierungsdirektor) , Wiesbaden; Schulrat Bobritz und Turninspektor Buchenau, Kassel; Studienrat Dr. Flöricken, Gießen; Lehrer Walther, Marburg; Direktor Kissinger, Schulrat Hassinger und Stadtinspektor Brambach, Darmstadt; Studienrat Engel, Worms; Studiendirektor Stein, Friedberg. Der urerste JH-Helfer in Hessen war Ministerialrat Neuhauß in der Schulabteilung Wiesbaden, der 1902 meine ersten Aufsätze und Aufrufe in der Lehrer-Fachpresse lenkte und für die ersten Staatsbeihilfen sorgte. Dem Geschäftsführer Gierth, Frankfurt, im ehemaligen JH-Landesverband Main-Rhein-Lahn-Fulda ist der zusammenfassende und sinnvolle Ausbau des JH-Werkes in Hessen zu danken.

Zweite Oster-Wanderfahrt 1911 von Altena ins Hessenland

Altena.

Mit fünfzehn Strammen Jungen von der kaufmännischen Handelsschule in Altena, an der ich neben der Volkshochschule beschäftigt war, ging's 1911 abermals ins Hessenland. Diesmal auf anderen Wanderwegen und auf andere Veranlassung hin, wenn uns auch immerhin die billigen Ostereier von 1907 noch in guter Erinnerung waren. Ein reicher Großgrundbesitzer hatte uns zu Ostern eingeladen, und das ging so zu:

Auf meinen ersten Aufruf (1910 in der Kölnischen Zeitung) zur Schaffung von Jugendherbergen durchs ganze Reich lief eine Unmenge begeisterter Zuschriften aus dem In-und Ausland bei mir ein. Auch erhebliche Geldspenden folgten, und ich konnte die einfache Ferienherberge mit Strohlagern in meiner Schule zu Altena aus dem Jahre 1907 aufs beste mit regelrechten Betten und auswechselbarer Bettwäsche ausstatten. Auch Einladung für mich und meine Wanderschar zur kostenlosen Einkehr folgten. Am verlockendsten erschien uns der Ruf des Großgrundbesitzers von Heidweiler, ehemals Landrat von Altena, der auf der Denzer-Heide bei Bad Ems ein großes Landgut besaß. Die Einladung war bereits im Vorjahre an uns ergangen, und wir hatten uns den ganzen Winter darauf gefreut. Rund 300 Kilometer Fußmarsch waren in einer Woche zu bewältigen. Meine erprobten wanderstarken Buben haben es ohne Überanstrengungen schaffen können.

Die anfängliche Gegensätzlichkeit in gewissen Bevölkerungsschichten Altenas gegen meine ausgedehnten Jugend-Wanderfahrten war allmählich einer aufrichtigen Mitfreude gewichen. Und so schenkten die Lehrherren meiner Handelsschüler ihnen bereitwilligst zu den Osterferien noch ein paar Feiertage hinzu, so dass wir die Wanderfahrt bereits am Tage vor Gründonnerstag beginnen konnten. Ober Bitten und Verstehen hatte sogar jeder einen blanken "Goldfüchs" für die Reisekasse von ihnen erhalten. ging's doch zum "alten Landrat", dessen man sich gern erinnerte.

Auf wohlbekannten Wanderwegen tippelten wir ins Siegerland, dann aber auf neuen Pfaden durch die hohen Bergwälder der "Kalten Eiche" ins Hessische nach Holzhausen - Herborn - Ruine Greifenstein - Dianaburg Weilburg - Villmar - Runkel - Limburg - Bad Ems Goethepunkt - Denzerheide und weiter nach Nieder-Lahnstein und Kobienz, von wo wir mit einem Rheindampfer nach Köln und mit der Bahn nach Altena zurückfuhren.

Einzelne Begebenheiten - Klotztahrt

Von der erlebnisreichen Wanderfahrt in den aufbrechen den Lenz nur einige wenige Erlebnisse. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass diese Wanderung an manchen Tagen zur regelrechten "Klotzfahrt" wurde. Die 17- bis 18jährigen Buben waren ungemein kräftige Kerle, die vor 50, 60 und mehr Kilometern Tagesleistung nicht zurückschreckten. Wenn ich auch an sich dem "Klotzen" nicht das Wort reden möchte, so weiß ich doch, dass es durchaus seine Berechtigung haben kann. Kräftige junge Kerle dieses Alters wissen in der Reifung zum Mann oft nicht, wohin sie mit ihrer überschüssigen Jugendkraft hinaus sollen. Da ist eine "Klotztahrt" das Gegebene. Besser als Wirtshauslaufen mit Saufen, Schlägereien und Hurengeschichten mit oft nachfolgenden üblen Krankheiten und lebenslangem Siechtum. Ich war allemal erfreut, wenn meine großen Jungen mich zu einer ausgesprochenen "Klotzerei" aufforderten. Jeder starke Wandersmann weiß um die unsagbar beglückende innere Wanderseligkeit, wenn beim kräftigen Schreiten über Berg und Tal das heiße Blut auf seine eigene Weise in allen Adern zu rauschen und zu singen anhebt. dass man, ohne dass man es weiß und will, gleich Lerche, Drossel, Fink und Star jubilieren und singen muss, und wer wirklich keine Melodien in der Kohle hat, schreit wie der Hirsch im wilden Urwald und schickt seine Jauchzer ins Weite. Bei keiner anderen Leibesübung erfahrt der Mensch eine derart innige und anhaltende Eintauchung in Himmelssicht und Frischluft wie beim Wandern - namentlich bei einer "Klotzfahrt". Unsere Osterfahrt von 1911 mit einer Tagesleistung von 40-45 Kilometer war eine solche Klotzfahrt und darin ein unvergessliches Erlebnis für uns alle. Hinterher erfuhr ich, dass die Jungen, denen ich die Ausarbeitung der Wanderung überlassen hatte, probieren wollten, ob sie ihren "Meester" im Wandern schachmatt setzen könnten. Prächtige Lausbuben und liebe Kameraden, von denen der erste Weltkrieg die Hälfte gefressen hat.

Frostige Tag- und Nachtgleiche

Zu einem seltenen Lichtwunder wurde uns dieser Tag, den wir auf Holzhausen, auf der "Kalten Eiche" erlebten, und wir wussten dann auch, warum diese Berghöhe ihren Namen trägt. Der Metzger des Ortes hatte uns ein Obdach auf seiner Dreschtenne gegeben. Das war eine kalte Nacht. Wir lagen auf einer dünnen Strohschütte und hatten nur unsere Lodenmäntel zum Zudecken, und durch die alten spaltenreichen Scheunentüren pfiff ein beißend kalter Ostwind. Wir waren ganz dicht zum Schlafen zusammengekrochen und schliefen in großer Ermüdung auch schnell ein. Doch schon vor 5 Uhr erwachte ich bocksteif vor Kälte und merkte, dass auch alle Buben wach waren und vor Kälte zitterten. Also raus an die "Frühjahrsluft"! Ein wunderbar klarer Sternhimmel mit dem untergehenden Vollmond empfing uns. Doch war uns das gänzlich schnuppe. Das Thermometer am: Metzgerladen zeigte -7 Grad C. Unsere Hände und Füße waren fast gefühllos geworden, und so machten wir im Windschatten hinter der Scheune einen Kreis und klopften die Hände und Beine warm und hüpften und strampelten und machten Laufschritt auf der Stelle und schlugen die Arme um uns wie Hampelmänner. Nachdem die Füße wieder lebendig waren und der Himmel sich im Osten aufhellte, liefen wir zum Dorf hinaus auf eine Anhöhe und wieder hinab und hinauf, bis der ganze Mensch wieder warm und froh wurde. - Dabei waren unmerklich alle Sterne verschwunden, und nur der dicke Vollmond stand wie ein goldgelbe Eierkuchen am Himmel und neigte sich zum Abschiednehmen. Zu gleicher Zeit erwachte die Sonne aus weißem Bodenliebel überm Bergwald im Osten. Auch so goldfarben und groß wie der Vollmond. Und eine kleine Ureile schauten sich beide wie Spiegelbilder grüßend an. Das große Schöpfungs- und Lichtwunder auf unserm Erdenstern stand vor uns in seiner Urgewalt von Größe und Schönheit. Dort der verblassende und versinkende Mond, der Hüter der eisigkalten Nacht - und hier die aufgehende Licht- und wärmespendende Sonne, die Königin des lichten Tages und Weckerin allen Lebens. Das ist der Sieg des Lichtes mit herzwärmender Liebe über Nachtdunkel und alle Mächte der Finsternis und des Hasses. Österliches Auferstehen aus Winterschlaf und Gräbern. Dieses Erlebnis wurde uns allen zu einer unvergesslichen Morgenfeier, und der beste Dolmetscher dafür war die am eigenen Körper erlebte Erstarrungskälte in der Nacht und das dann nachfolgende beglückende Gefühl der wiederkehrenden Blutwärme und des Lebens.

Schönstes Lahntal zwischen Weilburg und Bad Ems

Im romantisch gelegenen Weilburg, das uns stark an Altena erinnerte, besuchten wir das prächtige Schloss und schliefen mit bester Aufnahme in der dortigen Unteroffiziers-Vorschule (abends warmes Brausebad, reichliches und kräftiges Abendessen und Frühstück - und alles, auch die Unterkunft, völlig kostenlos). Der Ortskommandant, der um unser Kommen durch meine Bitte um Unterkunft wusste, hatte eine Geländeübung für seine jungen Soldaten angesetzt. Unsere Unterkunft war ein anrücken der Feind, für dessen Erspähen und Melden alle mutmaßlichen Aufmarschwege mit Lauf-Staffetten besetzt waren. Die Wanderleistung meiner Buben wurde bestaunt, und ich wurde ins Offizierskasino eingeladen, wo auch mehrere Generalstabsoffiziere aus Berlin zur Revision der Weilburger Unteroffiziersschule anwesend waren. Ich musste ihnen über meine Pläne für das Jugendwandern und für ein zuschaffendes einheitliches Jugendherbergswerk berichten. Dabei warf ein Generalstäbler die Frage nach einer etwaigen Nutzbarmachung von Kasernen auf. Er hätte darüber nach Berlin berichtet, und ein Jahr später wurden 308 Kasernen in Deutschland zur Mitbenutzung für die Unterkunft von Wandergruppen freigegeben. Wegen der zumeist kostenlosen guten Unterkunft und Beköstigung machten viele Wanderscharen davon gern Gebrauch. Das Friedensdiktat von Versailles untersagte nach verlorenem Weltkrieg alle Unterkünfte in Kasernen. Bei dem nachfolgenden Wiederaufbau unseres JH-Werkes sorgten Freund Münker und ich dafür, dass keine politische Staatsgewalt unser Werk einengte, bis es uns dann 1933 durch den Nazismus mit Gewalt entrissen wurde.

In Villmar

besuchten wir die Marmorwerke, wo die Steinblöcke wie Holzstämme zersägt und poliert werden, und wo alle Türen und Fenster in Marmor gefasst und alle Hausflure und Küchen mit Marmorplatten getäfelt sind. Erinnerung an das westfälische Nutlar-Bestwig, wo Schiefer in gleicher Weise bearbeitet wird.

Niederlage im Kampf mit Krähenscharen

Alle Bilder von der wuchtigen Burgruine Runkel zeigen einen großen Krähenschwarm über ihren unheimlich dicken Türmen. In dem Kiefernforst zwischen Villmar und Runkel haben sie ihre Kolonie. Fast jeder Baum trägt mehrere Nester, die so liederlich gebaut sind, dass man in vielen von unten die Eier sehen kann, und Eierschalen unter den Nesterbäumen erzählen davon, wie geringen Wert diese "Wodansvögel" auf ein einzelnes Ei legen. Zwischen Straße und Lahnfluss auf hoher, steil abstürzender Felsklippe steht das Marmor-Standbild des deutschen Frankenkönigs Konrad I. Sinnend schaut er auf die Krone in seiner Hand, die er um des lieben Reichsfriedens willen seinem glückhafteren Gegner Heinrich ins Sachsenland sandte. In dem sonnig warmen Waldwinkel zu seinen Füßen hielten wir unsere Mittagsrast. Ich hatte alle Buben in den Wald zum Reisigsammeln ausgeschickt, und manche blieben verdächtig lange fort. Schon längere Zeit war das Gekrächze der Krähen immer stärker angewachsen. Wohl hundert und mehr kreisten wild aufgeregt über dem Forst. Und plötzlich stürzten meine Buben mit Reisigbündeln, die sie schützend über die Kopfe hielten, aus dem Wald zum Kochplatz, und der ganze Krähenschwarm über und hinter ihnen her fuhr wütend auf sie herab und bespritzte sie über und über mit stinkendem Kot. Schutzsuchend krochen die Buben in das dichteste Buschwerk am Lahnufer und unter überhängende Felsen. Ich selber konnte nur noch schnell den Deckel auf den Kodikessel decken, um unser Mittagessen vor dem Kotregen zu retten, und musste dann selbst unter den Felssturz flüchten, auf dem der letzte Frankenkönig Wache hält. Da brodelte unser gutes Essen, und niemand wagte es zu holen, weil die wütenden Tiere sind wie eine dichte Wolke mit Gekreisch auf jeden stürzten, der sich aus dem Versteck traute. Erst nach einer halben Stunde konnten wir uns ungestört ans Futtern machen. Aber auf einem anderen Platz, weil der ganze Kochplatz ein einziger Misthaufen war. Und was war die Ursache für diesen Angriff der Krähen auf uns gewesen? Die Jungen hatten die Nesterbäume erklettert und die Nester nach "billigsten Ostereiern" durchsucht. Sofort aber stürzten sich die tapferen Vögel auf die Nesträuber und jagten sie mit Flügelschlägen, Schnabelhieben und Kotspritzen von den Bäumen und weiter in schneller Flucht. Wir bekamen den größten Respekt vor diesen Wodansboten. Auch der Marmorkönig hatte auf Haupt und Krone seinen Teil mitbekommen und schaute redet bedrüppelt auf seine ehemals goldfarbene Krone. Während der Rast entspann sich unter den Buben eine anzügliche Unterhaltung: "Jetzt weiß ich genau, was der Frankenkönig denkt." ,Na, das weiß doch jeder aus der Geschichte.' (Vor der Wanderfahrt hatten wir uns wie üblich nicht nur mit der Landschaft an unseren Wanderwegen, sondern auch nach Möglichkeit mit ihrer Geschichte befasst und wussten auch um den Sinn dieses Denkmals.)- Es fällt ihm schwer sich von dem höchsten Kleinod des Reiches zu trennen! "Ach was! Im Gegenteil, er ist froh, dass er die Krone los wird. Ich glaube, dass an jeder Königskrone nicht nur wackeres Heldentum, sondern auch reichlich viel Unrecht und Sündendreck und bestimmt auch viel Menschenblut klebt. Und das wissen auch die schwarzen "Galgenvögel' von allen Schlachtfeldern her, und darum haben sie auch die Krone so beschissen. Und daran denkt auch der Frankenkönig." - ,Unsinn! Das geht allen Denkmälern so. Ich war im vergangenen Jahre in Berlin und besah mir die vielen Denkmäler in der Siegesallee, und allen hatten die Spatzen was auf den Hut getan.' - "Ich würde mir überhaupt kein Denkmal ohne Hut bauen lassen." - "Wer wird Dir ein Denkmal setzen?' - "Der Hund macht dir 'nen Leichenstein". "Jetzt aber, Jungs, macht Schluss mit euren tiefsinnigen Betrachtungen! Spült das Essgeschirr, und dann wollen wir uns noch mal schnell die Füße baden -- dann auf nach Runkel!" Gesagt, getan. Doch verzögerte sich das Abrücken noch erheblich durch einen üblen Zwischenfall. "Spatz Leonhard" hatte sich in die nackte Fußsohle einen griffeldicken Rohrstengel getreten, der tief im Fleisch steckte, abgebrochen war und nicht herausgezogen werden konnte. Da war guter Rat teuer. Wir setzten uns um unseren "Spatz" in die Runde und kamen zu dem einmütigen Entschluss, dass ich ihn operieren müsse, weil doch kein Arzt aufzutreiben war und der Fuß schon starke Schwellung hatte. Auch "Spatz'' war damit einverstanden.

Ein Junge suchte mir aus der Lahn einen geeigneten Wetzstein, an dem ich mein ohnehin scharfes Fahrtenmesser haarscharf machte. Unser Patient saß dabei und schaute mit einer gewissen Spannung dem Wetzen zu; Doch als ich dann die Schärfe am Durchschneiden eines Haares prüfte und für gut befand, nun die Messerklinge zur Desinfektion schnell einmal durch die Flamme des Lagerfeuers zog, sprang unser "Spatz" wie von der Tarantel gestochen auf und ergriff das Hasenpanier. Alle anderen Jungen hinter ihm her, und bald brachten sie ihn auf den Schultern des Stärksten reitend, zum Platz zurück, und er erklärte sich nochmals mit der unvermeidlichen Operation einverstanden, aber unter der Voraussetzung, dabei brüllen zu dürfen. Immerhin setzten sich drei Jungen zur Vorsicht auf den bäuchlings gelegten "Spatz", und zwei hielten seine langgezogenen Arme an den Handgelenken fest, während an jedes Bein zwei weitere Jungen kamen, und "Spatz" brüllte aus Leibeskräften schon lange, ehe das Messer gebraucht wurde. Mit einem schnellen Schnitt war's dann überstanden und der zwischen zwei Zehen im Fußballen steckende Rohrstengel herausgezogen, das dicke, schwarzverschmutzte Blut aus der Wunde gepresst und diese mehrmals mit Arnikatinktur ausgewaschen und sorgfältig verbunden. Es ging auch alles gut. Nur beim Auswaschen der Wunde mussten noch ein paar Jungen zugreiten, weil der Patient uns dabei doch bald ausgerückt wäre. Leider durfte ich die tief und klaffende Wunde wegen der Verschmutzung nicht vernähen (Wundnadeln und Nähseide im Alkohol Fläschchen befanden sich für derartige Fälle in meinem "Pflasterkasten"). Doch trotz unserer tüchtigen "Klotzerei" eiterte die Wunde nicht und war bei der Heimkehr nahezu verheilt.

Runkel

Beim Durchstöbern der alten Ruine stießen wir auf die dort eingerichtete Mädchen-Haushaltungsschlule. Bei dem sonnigen Wetter saßen die Mädel bei Kaffee und Kuchen im Burghof. Als wir mit einem zackigen Wanderlied mit Geigen- und Lautenspiel stolz vorüberschreiten wollten, versperrte uns plötzlich eine Kette von Mädchen kecklich den Weg, und wir mussten wohl oder übel halten. Die Mädel, die das Lied auch kannten, stimmten mit ein, und das klang viel schöner als unser ,Bardensang". Aus dem Fenster schaute die Anstaltsleiterin, und als ein Mädel, die Tochter des mir bekannten Fabrikanten Seisenschmied aus Neuenrade, zu ihr hinaufrief "Das sind gute Bekannte aus Altena", wurden wir zu bleiben gebeten und saßen schnell in bunter Reihe unter den Mädeln, die' zumeist aus dem Rheinland stammten. Wir ließen uns Kaffee und Kuchen (selbstgekocht und selbstgebacken) gut munden, und zwischendurch wurde gesungen und gescherzt - weniger von meinen westfälischen Buben als von den über- mütigen rheinischen Mädeln. Humpelmann Spatz musste meine Operationsgeschichte erzählen und wurde gleichermaßen belacht und bemitleidet. Doch es musste geschieden werden. Ungezählte Kußhändhen Augen grüßend hinter uns her, und jeder der Buben hatte mehr als ein Adressen-Zettelchen beim Abschied in die Hand gedrückt bekommen - und der "Meester" auch. Was Wunder, dass die Unterhaltung des Tages sich um den "Runkeler Gänsestall" bewegte. Einige wenige wären.war gern länger dort geblieben. Aber die. Mehrzahl war der Überzeugung, dass man sich einen solchen ,Gänsestall" am besten nur übern Zaun ansehen sollte, da man sich aber solche Dinger mit ihrem Geschnatter niemals mit auf Fahrt nehmen dürfte und froh wäre, jetzt wieder unter sich zu sein. -- Bei der nächsten Rast an der Lahn konnte ich beobachten, wie mehrere Jungen ihre erhaltenen Adressen-Zettelchen in den Fluß zu den Fischen schickten.

Limburg - Diez

Der einzig schöne Dom mit seinen Kunstschätzen und das Stammschloß der "Oranier" wurden unter sachkundiger Führung besucht. Ich konnte damals die machtvolle Entwicklung des JH-Werkes nicht voraussehen und somit auch nicht ahnen, dass die Schlossverwaltung zwanzig Jahre später dem Reichsjugendherbergswerk das Schloss kostenlos übereignen wollte, und dass ich nach eingehender Besichtigung zum großen Erstaunen des Spenders zum Verzicht riet, sofern nicht eine Geldspende von hunderttausend Reichsmark sich zur Schlossspende gesellte!

Bad Ems Stammschloß der Freiherren vom und zum Stein, Goethepunkt

In Bad Ems wurde eine Kostprobe der Heilwässer genommen und im Vorüberschreiten auch vom "Kaiser-Wilhelm-Stein" Notiz genommen. Die Ruine des freiherrlichen Schlosses hatte uns mehr zu erzählen. Mit viel Freuden blickten wir vom "Goethepunkt" in die Runde. In der Taltiefe eräugten wir das Arnsteiner Kloster und erinnerten uns an einen Ausspruch des Altwanderers Goethe, daß dieser Berggipfel die schönste Stelle im ganzen Hessenlande sei. Ganz überraschend ist die Ähnlichkeit des "Goethepunktes" mit dem "Klusenberg" im westfälischen Altena, und es wäre eine schwere Entscheidung, welchem Berggipfel die Schönheitspalme zuzusprechen wäre.

Osterbesuch bei Landrat a.D. von Heidweiler

Das Ziel und der Höhepunkt unserer Wanderfahrt auf die wir uns einen ganzen Winter hindurch vorbereitet und gefreut hatten: Der Hausherr mit seiner zahlreichen Familie begrüßte uns auf der prächtigen Empfangsdiele mit größter Herzlichkeit und fast feierlich. In seiner Ansprache betonte er immer wieder seine unbändige Freude, seine ehemaligen Altenaer "Landeskinder" in seinem Hause als Gäste zu wissen. Das Verlobungsfest seiner ältesten Tochter hatte er auf Ostern gelegt und uns auch eigens auf diesen Tag eingeladen, dass wir dieses Fest mitbegehen und verschönern hülfen. An der mit Frühlingsblumen reich geschmückten Festtafel hatte der Platzordner die sechs Hauskinder und die Hausgäste so verteilt, dass jeder meiner Buben einen Hausgast zur Seite hatte, und dieser sorgte für sein leibliches Wohl. Des Hausvater sprach den selbstverfassten Tischsegen, wir reichten uns die Hände und sangen stehend: "Wenn alle Brünnlein fließen". Ein Sohn und eine Tochter des Hauses begleiteten das Lied mit Geige und Flügel. Und dann ging's ans Futtern. Das war ein Festmahl, wie es die ganz stumm gewordenen großen Jungen noch nicht gesehen hatten und wohl auch kaum zum zweiten Mal erlebt haben werden. Da stand vor dem Hausherrn ein gewaltiger knusperbraun gebratener Schweineschinken, und daneben gab's ein Zerlegemesser schier so groß wie ein Türkensäbel. Große Schüsseln mit gebratenem und gekochtem Fisch: Karpfen, Forellen, Hecht und Rheinsalm; Rehkeule und Hasenbraten - schön geflochtene Bastkörbe voll bunter Ostereier - hochgetürmte Teller voll schneeweißem Weizenbrot und schwarzbraunem westfälischen Pumpernickel - und dazwischen Butterballen mit kunstvoll ausgestochenen Blüten- und Blattformen - daneben Tilsiter und Holländer Fettkäse - die guten Kartoffeln nicht zu vergessen, aber nicht als Salzkartoffeln, sondern in Stäbchenform geschnitten und in Butter braun geschmort Frischsalat und Blumenkohl aus dem Treibhaus. Die im allgemeinen nicht leicht einzuschüchternden Jungen bekamen ob all der Tafelherrlichkeiten fast noch größere Augen als in Holzhausen bei der Tag- und Nachtgleiche und saßen anfangs ganz stumm und dumm da. Erst nachdem sie die Fleischbrühe mit Rindermarkklößen hinter sich hatten und' ihre Tischnachbarn auf sie einsprachen, wich die beklemmende Stille allmählich einem fröhlichen Geplauder, und die beiden Hausmädchen in blütenweißen "Serviermänteln" und welligen "Kruschelhäubchen" in den braunen Haaren hatten mit dem Zubereiten der Speisen bei der Tafelrunde von nahezu 40 Personen vollauf zu tun.

Den Koloß von Schweinebraten zersäbelte der Schlossherr mit eigener Faust in große und weniger große Batzen und schaute dann jeden zu bedienenden Tischgast fragend an, tippte dabei mit seinem "Schinkensäbel" auf die gewünschten Bratenscheiben, und als er dabei in gewinnender Herzlichkeit den immer noch etwas schüchternen Buben Mut zusprach und gar erklärte, dass er an diesem doppelten Freudentag des Hauses - Verlobung seiner Tochter und Besuch seiner Altenaer - die grüßte Freude haben würde, wenn alle Schüsseln rutzeputze leergegessen wären, da war das letzte Eis gebrochen, und es begann ein hemmungsloses Futtern bei manchen Jungen wie im Schlaraffenland, und Schlossherr und Schlossfrau schauten mit frohen und gütigen Augen auf die Schmausenden. Als Trinksprüche ausgebracht wurden, versuchte ich in launiger Weise in meinen Dankesworten eine Brücke zu schlagen zwischen dem westfälischen Sprichwort "Eeten un Drinken hölt Liew on Seele besamen" und dem ostpreußischen "Biem Eet lat di nich angst moke. Eet man tau! Platzt de Buk, holt dat Hemd!" Unterm Flügel standen in mehreren Eiskübeln eine Menge Langhalsiger und Dickbäuchiger: Rhein- und Moselwein und auch Champagner. Auf einen Wink des Gastgebers stellten die dienstbaren Geister vor seiner ersten Tischrede vor jeden Gast eine "Langhalsige". Kopfschüttelnd hatte ich die' Batterien unterm Flügel betrachtet und musste dem Hausherrn etwas ins Ohr flüstern: große Bestürzung und Wiegen des Hauptes. Wir kamen aber überein, dass meine Jungmänner auf das Wohl des Brautpaares und unserer Heimatstadt ein Glas Schaumwein trinken durften. Rhein und Mosel verschwanden, dafür sprangen die Sektkorken knallend zur Decke, und meine Buben kosteten zum ersten - und wohl auch letzten Mal den perlenden "Heydsick Monopol". - Nach einem Dankgebet des Hausvaters küsste er der noch redet jugendlich aussehenden Gattin die Hand, und der Bräutigam folgte seinem Beispiel bei Schwiegermutter und Braut. Alle Tischgenossen reichten sich die Hände zum große, Dankeskreis, dann wurde die Tafel schnell abgeräumt. Nach dem Programm des·Festtages, das in Schmuckschrift geschrieben auf jedem Tischplatz lag, folgten ein paar Musikstücke (Klavier und Geige) von Mozart und Haydn, vorgetragen von Mutter und Tochter. Dann öffneten sich die Flügeltüren vom Nebensaal, und ein großer Servierwagen wurde hereingerollt, beladen mit Kuchenbergen und Torten, mit Kästchen voller Orangen, Äpfeln, Weintrauben, Rosinen und süßem Naschwerk -- Kannen mit Kaffee, Tee und Schokolade. Das war die zweite Schmauserei, und ich merkte, wie mancher Junge verstohlen nach dem Leibriemen Angerte.

Und nun ging's bis tief in die Nacht ans Singen und Musizieren. Fahrtengeschrichten wurden erzählt, und der Krähenangriff und Spatzens Operation waren auch dabei. Mit dem gemeinsamen Abendlied "Kein schöner Land" sagten wir uns um Mitternacht "Gute Nacht"

Da das Schloss durch die Verlobungsgäste stark belegt war, hatte man uns im Gasthof des Dorfes untergebracht. Jeder Junge bekam ein weiß bezogenes Federbett, und wir schliefen wie die Grafen bis in den hellen Morgen. Das Frühstück im Schloss war eine weitere Schlemmerei, und für die Wegzehrung wurden uns die Rucksäcke derart vollgestopft, dass wir an den nächsten zwei Tagen alle Mahlzeiten damit bestreiten konnten. Zum Abschied mussten wir uns alle namentlich in das "Goldene Gästebuch" eintragen. Mit einem letzten Abschiedslied ging's zum Schlosspark hinaus. Erst nach und nach fanden wir uns wieder zurecht als "fahrende Gesellen". War uns doch so, als hätten wir leibhaftig in einem Märchen von "1001 Nacht" gesessen.

Wahrhafte Kameradschaft

So unvergesslich schön auch die Gastlichkeit im Schloss auf der Denzer Heide war, so brachte der nächste Tag doch noch uns allen ein tieferes Erleben.

In einem Wirtshaus an der Lahn waren wir eingekehrt und hatten von unseren reichen Rucksackvorräten uns recht sattgegessen. Ehe wir unser Strohlager auf der Kegelbahn aufsuchten, saßen wir noch in einem kleinen Nebenzimmer beisammen. Die Jungen tranken Selterwasser und Limonade, und ich hatte mir einen Schoppen Wein geben lassen und rauchte ein Pfeifchen Tabak. Es war eine unbedachte Ausnahme, die ich mir da leistete, und die Jungen waren darüber eingeschnappt, ohne dass ich es merkte. Anfangs sangen- sie noch mit zu meiner Geige, aber bald machte nur ich allein Musik. Auf meine Frage, ob ihnen Läuse über die Leber gelaufen waren, blieb alles stumm. Als ich dann abermals die gleiche Frage stellte, sprang der älteste und längste der Buben erregt auf, schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte: "Ja, ganz dicke Läuse! Und wir müssen es dir einmal richtig sagen; denn du scheinst es nicht zu wissen, was wirkliche Kameradschaft ist. Da sitzt du mit einem Schoppen Wein und sckmökst deine Pfeife, und wir lutschen Limonade. Gilt der Eid auf unserm Fahrtenwimpel denn nur für uns? und nicht auch für dich? Wir sind keine kleinen Jungen mehr. Gleiche Brüder - gleiche Kappen! Schon in Holzhausen war es so, da tranken wir alle Kaffee und du ein Glas Bier."

Auch die anderen Jungen waren zornig aufgefahren, und alles sprach erregt durcheinander. Darüber packte mich ein maßloser Zorn, und auch ich schlug die Faust auf den Tisch, dass die Gläser tanzten, und brüllte sie als undankbares Pack an. Während meine Kollegen sich gemütliche Ferien daheim machen oder auf schöne Reisen gehen, verbringe ich alle meine Ferien mit ihnen auf der Landstraße und im Stroh auf Scheunen und Kegelbahnen - und das sei nun ihr Dank!

Ohne Abendlied und ohne Nachtgruß krochen wir ins Stroh. Ich konnte den Schlaf lange nicht Anden - bis ich mich zu der Erkenntnis durchrang; dass die Jungen in der Tat im Recht waren. Bis zur Mittagsrast am andern Tag schritten wir ziemlich wortkarg nebeneinander. Wohl war ich zur Einsicht gekommen. Aber das Eingeständnis mit den Worten zu machen, war nicht ganz leicht. Doch mittags, während das Feuer lohte und die Erbsensuppe brodelte und wir uns zum Futterkreis setzten, war's so weit. Keine langatmige Ansprache: "Jungs, mal herhören. War das gestern Abend nicht eine ganz saudumme Geschichte? - Aber ich war im Unrecht und ihr im Recht! Schwamm drüber!" - Dann aber war alles wieder gut. Und erst von da ab waren wir als Führer und Gefolgschaft wahrhafte Kameraden und sind es allezeit geblieben.

Persönliche Bemerkungen

Es war ein heißer Augusttag des Jahres 1939. Ich hatte das Rheintal hinter mir, wo die Fahnen über marschierenden Kindern in Uniform rastlos im Winde wehten und die Jugendherbergen von ihrem abgehackten Singen widerhallten. Ich hatte ein kleines Dorf erreicht, das versteckt in einem Tal des Taunus lag, zwischen Kornfeldern und Apfelgärten. Hier war es ruhig und still, gerade richtig zum Nachdenken und Überlegen. Ich fand Richard Schirrmann in einem bescheidenen Haus am Rande des Dorfes. Eine schlanke aufrechte Erscheinung, kam er mir mit federnden Schritten entgegen. Ein von der Luft gebräuntes Gesicht, mit hellen, freundlichen Augen hinter den Brillengläsern und einem stets zum Lächeln bereiten Mund. Immer noch erstaunlich ruhig und burschenhaft für einen Fünfundsechzigjährigen. Und das Haus schien voller Kinder. Frau Schirrmann lud mich zum Essen ein, und wir erzählten. Von den Jugendherbergen in Deutschland, in denen ich auf so vielen Radtouren als Student übernachtet hatte, und von der Ausbreitung der Bewegung in andere Länder. Schirrmann sprach ein lebendiges prägnantes Deutsch, voller ungewöhnlicher Redewendungen, und mit einer ansteckenden Begeisterung, die das ganze Antlitz hell aufleuchten ließ. Erst als das Gespräch auf Politik kam, erlosch jeder Glanz, um der verstörten Bekümmertheit eines Knaben Platz zu machen, der aus einem bösen Traum erwacht. Als ich ging, versprach ich, einigen seiner Freunde im Ausland Grüße zu überbringen. Er befürchtete, sie lange Zeit nicht wiedersehen zu können. Seine Besorgnis war gerechtfertigt, denn wenige Wochen danach brach der Krieg aus. Seit Juni 1934 war Schirrmann pensioniert, doch für die Dauer des Krieges erhielt er die Erlaubnis, in der Dorfschule von Grävenwiesbach wieder zu unterrichten. Das verbesserte etwas die wirtschaftliche Situation seiner großen Familie. Und natürlich setzte er seine Wanderungen fort und durchforschte mit seinen größeren Kindern die idyllische Taunuslandschaft. 1943 schrieb er an Münker: "Mit Dorfbuben und meinem ältesten Jungen im Alter von 14 Jahren zog ich auf Wanderfahrt... In der Woche keine Spur von Wanderern. Am Sonntag dagegen mehrere Ausflüglergruppen: teils Familien, teils Liebespärchen; keine Jugendgruppen... Alle Schulen haben das Wandern eingestellt... Dass ich mit 69 Jahren... mit den Jungen wandere und noch dazu das schwere Zelt mit Decken und Kochgerät... mitschleppe, war den Kollegen einfach ein Rätsel..." Und weiter im Januar 1944: "Am Sonntag Skilanglauf mit meinen 4 ältesten Kindern von 10-15 Jahren zum Feldberg (Taunus); 36 Kilometer. Kein Schneeläufer oder Wanderer zu sehen, weder junge noch alte. Die Hitler-Jugend hat das Jugendwandern nahezu restlos ausgerottet." Am 15. Mai 1944 wurde Schirrmann 70 Jahre alt, und seine Freunde, Münker an der Spitze, veranstalteten eine Feierstunde. Der Krieg hatte - einen Monat vor der Landung der Alliierten in Frankreich - seinen Höhepunkt erreicht, und die NS-Behörden waren zu sehr beschäftigt, noch an die ein Jahrzehnt zurückliegende Fehde zu denken. So fand die Feierstunde auf Burg Altena statt, alle alten Freunde von Schirrmann kamen, soweit es ihnen bei den chaotischen Verkehrsverhältnissen möglich war. Münker und auch Schomburg waren dabei. Desgleichen Fritz Thomée (der Wiederhersteller der Burg), Otto Remmert, der ehemalige "Bürgermeister" des Kinderdorfes Staumühle, sowie alte Kollegen aus dem sauerländischen Gebirgsverein und dem Deutschen Jugendherbergswerk. Aus allen Teilen Deutschlands liefen Glückwunschbotschaften ein. Ein Jahr danach war der Krieg zu Ende.

aus: "Eine Biographische Skizze" von Graham Heath

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