Als Familie mit Kind und Rollstuhl ist es nicht immer leicht, passende Unterkünfte zu finden. Einige Hotels wollen keine kleinen Kinder unter ihren Gästen – andere sind zwar kinderfreundlich, aber nicht rollstuhlgerecht ausgestattet. Wir waren also wieder einmal auf der Suche nach einem barrierefreien Urlaubsort, an dem auch Familien willkommen sind und wurden in Leer, im malerischen Ostfriesland, fündig. Die JUGENDHERBERGE LEER bietet sehr gute Voraussetzungen für einen Aufenthalt als Familie mit Rollstuhl.

"Papa, Schafe, Mäh!"
Wir haben Oldenburg vor etwa einer halben Stunde hinter uns gelassen und sind auf der A28 auf der Zielgeraden Richtung Leer. "Und Kühe!" Die Begeisterung unserer dreijährigen Tochter auf der Rückbank über die tierische Vielfalt zwischen Oldenburger Land und Ostfriesland kennt keine Grenzen. Nach einigen lautstarken Muhs und Mähs parken wir schließlich am Stadthafen von Leer – direkt neben der Touristeninformation, wo unser Kind prompt die Spielecke entdeckt. Perfekt!
Nach einem kurzen Bummel durch die Fußgängerzone und einer kleinen Stärkung fahren wir weiter zu unserer Unterkunft für die nächsten Nächte: die DJH Jugendherberge Leer. Sie ist in einem hübsch restaurierten Armenhaus aus dem 18. Jahrhundert untergebracht, das über 100 Jahre lang als Armen- und Waisenhaus diente. Das rote Backsteinhaus strahlt heute in neuem Glanz. Die Lage? Ideal – direkt an der Altstadt. Von hier ist mit Rollstuhl und zu Fuß alles leicht zu erreichen.

Nach der freundlichen Begrüßung dürfen wir unser Zimmer beziehen. Zur großen Freude unserer Tochter gibt es Stockbetten! Wir einigen uns darauf, dass sie tagsüber oben klettern darf, aber nachts unten schläft. Als sie merkt, wie gut sich unten eine Höhle bauen lässt, ist sie begeistert und wir beruhigt. Das barrierefreie Zimmer ist sehr geräumig und verfügt über ein eigenes, rollstuhlgerechtes Badezimmer mit viel Platz.
Die Jugendherberge ist insgesamt gut ausgestattet: Snack- und Getränkekiosk, Speiseraum und natürlich ein Spielzimmer! Perfekt für Schlechtwettertage. Und alles stufenlos erreichbar. Ein Blick auf die ausliegenden Freizeittipps zeigt: In Leer gibt es genug zu erleben, auch bei Regen. Unter anderem das "Plytje"-Hallenbad mit Kinderbereich, das Miniaturland oder ein Bowlingcenter.
Doch heute zeigt sich endlich die Sonne – also los! Wir schlendern erneut durch die Leeraner Altstadt. Die typischen Backsteinbauten verleihen ihr ostfriesisches Flair. Beim Holländischen Möbelhaus können wir nicht widerstehen und schauen hinein. Wunderschöne Stücke aus Holz und Metall locken – leider passt kaum etwas in unsere kleine Berliner Dreizimmerwohnung. Oder unseren Koffer.

Weiter geht’s zum Stammhaus der Bünting Coloniale – die Firma Bünting ist berühmt für ihren Tee, weit über Ostfriesland hinaus. Die kunstvoll gestaltete Fassade sticht selbst in den engen Gassen ins Auge. Die Schaufenster zwingen uns zum Stopp – und zum Einkauf im schönen Laden nebst Café. Wir freuen uns, dass hier alles rollstuhlgerecht ist. Auch unsere Tochter wird schnell fündig, denn: Ostfriesen lieben Süßes.
Langsam wird unser Nachwuchs unruhig. Zeit für einen Spielplatz! Direkt am Wasser, am Ernst-Reuter-Platz, werden wir fündig. Kleine historische Randnotiz: Ernst Reuter, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, wuchs in Leer auf. Während unsere Tochter schaukelt und klettert, genießen wir den Blick über das Wasser und die vorbeiziehenden Boote – bis dunkle Wolken den Aufbruch zum Abendessen einläuten. Trotz Diskussionen ("Ich will nur noch EIN MAL schaukeln!") machen wir uns auf den Rückweg zur Jugendherberge.
Dort lockt ein leckeres Buffet: Nudeln, Gemüse, Obst – ideal für kleine Esser. Auch ein hübsches Dessert im Glas darf nicht fehlen. Nach einem kurzen Abstecher ins Spielzimmer geht’s ins Bett. Am nächsten Morgen steht ein Tagesausflug nach Norderney an.

Auf nach Norderney
Früh am nächsten Tag sitzen wir im fast leeren Frühstücksraum der DJH Leer. Das reichhaltige Buffet bietet Backwaren, Wurst, Käse, Müsli, Obst, Gemüse, Saft und – Gott sei Dank – Kaffee! Natürlich ist auch der obligatorische Hagebuttentee vertreten, für sentimentale Kindheitserinnerungen.
Viel Zeit bleibt uns jedoch nicht, denn es geht nach Norddeich, zum Fährhafen – etwa eine Stunde Autofahrt. Unser Tipp: Für Parkplatzsuche und Weg zur Fähre großzügig Zeit einplanen, auch wenn man vorreserviert hat.
Am Hafen wartet schon unsere Freundin. Wir entscheiden uns für die nächste Fähre – die "Frisia 3" besitzt einen Fahrstuhl, sodass die ganze Familie barrierefrei aufs Oberdeck kommt – egal ob mit Buggy, Gehhilfen oder Rollstuhl. Dort genießen wir die frische Seeluft und die entspannte einstündige Überfahrt nach Norderney. Es gibt viel zu sehen! Dank der kostenlosen Wimmelbild-Karte, die man am Fährterminal bekommen kann, kann keinerlei Langeweile aufkommen.

Am Ziel angekommen, verteilen sich die Passagiere schnell. Einige nehmen die Shuttles, wir laufen zu Fuß Richtung Zentrum. Die Stimmung ist gelassen – wie die Insel selbst. Unsere Tochter läuft vergeblich den vielen Hasen hinterher, die hier zur Plage geworden sind und die Deiche unterhöhlen. Sie wollen nicht gestreichelt werden! Ein Eis später ist sie wieder versöhnt und zeigt uns auf dem nächsten Spielplatz stolz, dass sie jetzt selbst schaukeln kann. Wir schlendern weiter durch den charmanten Ort und kehren an der Milchbar direkt am Deich ein – eine Norderneyer Institution. Danach geht’s zum Weststrand auf der windgeschützten Seite. Wir sammeln Muscheln, genießen das Meer und das Kind bekommt zur Belohnung eine Runde auf dem Trampolin.
Leider drängt die Zeit. Die Rückfahrt zur Fähre steht an. Das Abendessen in der Jugendherberge werden wir verpassen, also gibt’s ein spontanes Picknick am Hafen mit Fischbrötchen. Danach machen wir uns mit einem wunderschönen Sonnenuntergang im Rückspiegel auf die Rückfahrt nach Leer. Unsere Tochter schläft leise schnarchend auf der Rückbank, und wir lassen den schönen Tag auf Norderney Revue passieren.

Abreise
Am nächsten Morgen heißt es: Koffer packen. Während wir müde, aber zufrieden zusammenräumen, turnt unsere Tochter noch einmal wehmütig auf dem Stockbett herum. Nach dem stärkenden Frühstück – wieder umfangreich und lecker – verabschieden wir uns, ziehen die Betten ab und machen uns auf die Heimreise nach Berlin. Ein rundum gelungener Ausflug! Danke, DJH Leer, für die schöne (wenn auch viel zu kurze) Zeit! Wir kehren gern zurück.
Und schmieden direkt Pläne für den nächsten Jugendherbergs-Urlaub…
Das macht die Jugendherberge Leer aus:
- stufenloser Zugang zu allen Gemeinschaftsbereichen
- Rollstuhlparkplatz direkt am Eingang
- rollstuhlgerechte Zimmer mit großzügigem Bad
- zentrale Lage direkt an der Altstadt
- Gäste können sich Spezialfahrräder mit E-Antrieb ausleihen
- Inklusionsbetrieb, in dem Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam den Alltag gestalten

Zur Autorin und ihrer Familie
Adina und Timo Hermann reisen seit mehr als 15 Jahren gemeinsam. Adina ist Vorständin und Leitung Kommunikation bei den Sozialheld*innen sowie Autorin des inklusiven Kinderbuchs “Als Ela das All eroberte” und Rollstuhlfahrerin.
Timo ist Berater für barrierefreies Reisen, Autor, Fotograf und ihr Ehemann. Auf ihrem Instagram-Kanal, bei Facebook und ihrem Blog Mobilista.eu berichten sie von ihren Urlaubs-Erlebnissen und geben Erfahrungen weiter.
Seit ein paar Jahren reisen sie dank ihrer kleinen Tochter zu dritt und stellen fest: Reisen mit Kind und Rollstuhl bringt ganz neue Freuden – und hier und da auch Herausforderungen – mit sich.