Wann hat euch zum letzten Mal eine Robbe aus dem Meer heraus angeschaut? Musstet ihr euch einmal den Radweg mit Schafen oder Kühen teilen? Ist euch schon einmal auf dem Fahrradweg ein Kreuzfahrtschiff begegnet? All das und noch viel mehr erlebte ich auf meiner 22-tägigen Radtour:
Von Sylt ins Allgäu – vom nördlichsten zum südlichsten Zipfel Deutschlands. Die Jugendherbergen entlang der Strecke machten die Tour dabei deutlich angenehmer. Vier von ihnen möchte ich hier beispielhaft vorstellen.

Ein freundliches „Moin!“ schallt mir am frühen Nachmittag bei meiner Ankunft entgegen, und ich weiß sofort: Nun bin ich im Norden angekommen. Heike und Helge Ipsen, die Leiter der Jugendherberge List-Mövenberg auf der Nordseeinsel Sylt, hatten mein vorausgeschicktes Fahrrad bereits für mich in Empfang genommen. Es war einen Tag früher angekommen und stand sicher in einem trockenen Kellerraum.
„Mit 396 Betten in 101 Zimmern sind wir die größte Jugendherberge in Schleswig-Holstein“, erzählen sie nicht ohne Stolz. „Unseren Gästen – überwiegend Schulklassen und Jugendgruppen – schnüren wir auf Wunsch ein Rundum-sorglos-Paket mit Besichtigungen, Kutterfahrten oder Wattwanderungen.“ Die Herberge verfügt sogar über einen eigenen Jugendstrand, an dem tagsüber ehrenamtliche Rettungsschwimmer für Sicherheit sorgen.

Heike und Helge – sie gebürtige Sylterin, er langjähriger Mitarbeiter des DJH – haben sich hier in List kennengelernt und im Frühjahr 2025 die Leitung übernommen. Schnell wird deutlich, mit wie viel Professionalität und Leidenschaft sie ihre Aufgabe erfüllen. Doch das Leben auf Deutschlands nördlichster Insel hat auch seine Herausforderungen. Im Winter, wenn die Jugendherberge geschlossen ist und der Bus nur selten fährt, kann es hier mitunter sehr ruhig werden.
Nach dem Start auf Sylt führen mich die nächsten Tage durch Schleswig-Holstein. Mit Fähren überquere ich bei Kiel den Nord-Ostsee-Kanal und in Hamburg die Elbe. Anschließend geht es durch die Lüneburger Heide und das Leinetal hinauf in die Mitte Deutschlands.

Nach mehreren Tagen zwischen Nordsee, Heide und Weser erreiche ich schließlich Hessen. Hier wartet mit Bad Hersfeld die nächste besondere Station meiner Reise.
In der reizvollen hessischen Kreisstadt fällt nahe dem mondänen Kurpark sofort die Jugendherberge Bad Hersfeld durch ihre außergewöhnliche Architektur ins Auge. Zwei gelb verputzte Altbauten mit geschwungenen Giebeln sind durch einen modernen Glasbau miteinander verbunden. Dieser beherbergt die Rezeption sowie großzügige, lichtdurchflutete Gemeinschaftsräume.
Ursprünglich wurden die beiden Altbauten zusammen mit einem dritten Gebäude im Jahr 1906 als Kaserne geplant, jedoch nie als solche genutzt, erläutert Herbergsleiter Sascha Forderung. Stattdessen entstand daraus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Jugendherberge. Im Jahr 2006 – genau einhundert Jahre nach der Errichtung – wurde die Anlage umfassend modernisiert und um den markanten Neubau ergänzt.

Im gepflegten Garten laden zahlreiche sonnige und schattige Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Spiel- und Sportmöglichkeiten sorgen zusätzlich für Abwechslung. Schmunzelnd erzählt mir Sascha Forderung, dass das DJH-Stempelheft früher dazu diente, nachzuweisen, dass man zwischen zwei Übernachtungen mindestens 30 Kilometer gewandert war. Schließlich seien Jugendherbergen aus der Wanderbewegung heraus entstanden.
Und was sollte man in Bad Hersfeld unbedingt gesehen haben? Neben der charmanten Altstadt mit ihren zahlreichen Fachwerkhäusern natürlich die imposante Stiftsruine: die Überreste eines mittelalterlichen Klosters, das im 18. Jahrhundert durch einen Brand zerstört wurde. Heute finden dort die bekannten Bad Hersfelder Festspiele statt. Direkt daneben erhebt sich der Katharinenturm mit der berühmten Lullusglocke aus dem 11. Jahrhundert.

Vorbei an der malerischen Burgenstadt Schlitz erreiche ich einen Tag später die Jugendherberge Fulda. Auch sie ist architektonisch etwas Besonderes. Die beiden riegelförmigen Gebäude aus den 1930er Jahren mit ihren Schieferdächern wurden von Anfang an als Jugendherberge geplant und stehen heute unter Denkmalschutz.
Die großen Türen eines hellen Speisesaals mit hohen Kastenfenstern öffnen sich direkt zum Garten und laden dazu ein, draußen zu frühstücken oder gemeinsam zu grillen. Fulda selbst begeistert mit seinem Dom und den zahlreichen Barockbauten. Die Jugendherberge liegt etwas oberhalb der Stadt auf einem Hügel. Von hier aus bietet sich ein herrlicher Blick auf die Dächer Fuldas, über denen die Türme des Stadtschlosses und der barocken Stadtpfarrkirche St. Blasius emporragen.
Von Fulda aus führt meine Route auf einer ehemaligen Bahntrasse zunächst zum Main und weiter ins liebliche Taubertal. Entlang von Tauber, Wörnitz und Lech nähere ich mich Schritt für Schritt dem Allgäu und damit dem Ziel meiner Reise.

Dort, im südlichsten Zipfel Deutschlands, liegt die Jugendherberge Oberstdorf-Kornau. Rund 100 Meter oberhalb des Ortszentrums gelegen, eröffnet sie beeindruckende Ausblicke auf die Allgäuer Bergwelt. Im Sommer wie im Winter ist man von hier aus in wenigen Minuten mitten in der Natur – beim Wandern, Radfahren oder Skifahren. Die Söllereck-Seilbahn beispielsweise erreicht man in nur einer Viertelstunde zu Fuß.
„Wie wäre es mit einem Kaffee?“, fragt mich Herbergsleiter Jörg Simon zur Begrüßung, obwohl die Frühstückszeit eigentlich bereits vorbei ist. „Kaffee gibt’s bei mir immer!“ Während wir uns angeregt unterhalten, trifft eine fünfköpfige Wandergruppe ein. Sofort kümmert sich der freundliche Herbergsleiter persönlich um die Neuankömmlinge.

Und was sollte man in Oberstdorf nicht verpassen? Den Zusammenfluss von Breitach, Trettach und Stillach, die gemeinsam die Iller bilden. Ebenso sehenswert ist das Nebelhorn, einer der bekanntesten Berge der Allgäuer Alpen. Auch das Kleinwalsertal am Fuße des Ifen gehört zu den Höhepunkten der Region. Obwohl es zu Österreich gehört, ist es auf dem Straßenweg nur von Deutschland aus erreichbar und beeindruckt zu jeder Jahreszeit mit seiner landschaftlichen Schönheit.
Nach etwas mehr als 1.300 Kilometern endet meine Fahrradtour in Oberstdorf. Zurück bleiben unzählige Begegnungen, beeindruckende Landschaften und die Erfahrung, wie vielfältig Deutschland auf zwei Rädern entdeckt werden kann. Vielleicht führt mich die nächste Reise ja vom westlichsten zum östlichsten Zipfel des Landes.